Es soll Leute geben, die empfanden den Auftritt von The Twilight Sad im Gebäude 9 zwei Tage zuvor als laut. Ihr Unwissenden, nicht umsonst verkauft die Band bei ihrem Merchandise auch Ohrstöpsel.
In froher Erwartung des Hörsturzes, der noch kommen sollte, wurde die Vorgruppe The Sun And The Wolf einfach ignoriert. Kurz nach zehn ging es dann mit Ego Death los. Diverse Projektoren und reichlich Nebel sorgten für die passende Atmosphäre des gut einstündigen Gewitters, das über Köln hereinbrach.
Im Gepäck hatten die drei New Yorker ihre neue EP Onwards To The Wall, auf der sie ihrem Sound in der Tradition der frühen The Jesus & Mary Chain treu bleiben. Live war es nach dem brachialen Auftakt zunächst fast ungewohnt sanft. Zwar schredderte die Gitarre ständig vor sich hin, aber zwei, drei Stücke in einem sehr erträglichen, fast poppigen Rahmen. Doch merklich steigerte sich die Lautstärke, das Feedback nahm zu und da die Band fast komplett auf Ansagen verzichtete, verdichtete sich das Set mal wieder zu einem gigantischen Stück.
Einem Schrei eines Tyrannosaurus Rex gleich heulte manchmal die Gitarre dabei aus den Nebelwänden auf. Wie schon letztes Jahr in Münster kulminierte das Ganze dann bei I Lived My Life To Stand In The Shadow Of Your Heart, das nahtlos in Ocean überging und ein viertelstündiges Finale furioso bildete, nachdem die Band dann nach einer Spielzeit von gut 50 Minuten die Bühne verließ.
Hartnäckig erklatschte sich das Publikum aber sogar noch eine Zugabe, bei der noch einmal die Nebelmaschine alle zu Nothing Will Surprise Me einhüllte. Nach über einer Stunde wankten dann alle erschlagen aber zufrieden in die Nacht.
24 Stunden sind vergangen und schon stand man wieder vor einer Bühne, die von fünf Schotten betreten wurde. Nach dem Konzert im Steinbruch gastierten The Twilight Sad erneut in Köln und wieder im Gebäude 9, wo sie vor gut einem halben Jahr im Rahmen der Fat Cat Tour bereits mit We Were Promised Jetpacks spielten.
Vorgruppe gab es diesmal keine, die Setlist war die gleiche wie am Abend zuvor und auch ungefähr die gleiche Anzahl an Besuchern war da, was im deutlich größeren Gebäude 9 leider sehr spärlich aussah und für einen Samstag Abend auch ein eher enttäuschender Besuch war.
Dafür gab der Herr an den Lautstärkereglern einen aus und sorgte für richtig ohrenbetäubenden Lärm, was zur folge hatte, dass James' Stimme nicht so schön rüberkam wie in Duisburg. Aber scheinbar wurde etwas in die Anlage investiert, denn bei allem Krach war der Sound nicht so breiig wie früher im Gebäude 9, Doks Keyboard war sogar noch prägnanter als im Steinbruch.
Wie so oft wuchsen tatsächlich auch die neuen Songs durch das mehrmalige Hören, vor allem das atmosphärische Nil. James Graham war einmal mehr der Mittelpunkt, tänzelte zu den neuen Songs, kauerte in ruhigeren Passagen auf der Bühne und starrte mit einem derart unglaublich eindringlichem Blick beim letzten Stück, At The Burnside, ins Publikum, dass man einen Amoklauf befürchten konnte. Und wieder war er nach dem Konzert wie ausgewechselt und der nette Junge von nebenan.
Den Sonderapplaus des Abends erhielt übrigens Dok, als er kurz nach Ende des Konzerts auf die Bühne kam und frenetisch beklatscht wurde, da die Zuschauer doch noch eine Zugabe erhofften. doch mehr als eine Stunde Twilight Sad schien es auf dieser Tour nicht zu geben.
Setlist:
Kill It In The Morning
Don't Move
That Summer, At Home I Had Become The Invisible Boy
Dead City
I Became A Prostitute
Reflection Of The Television
Alphabet
Another Bed
Nil
Cold Days From The Birdhouse
And She Would Darken The Memory
At The Burnside
Ein halbes Jahr ist es her, als The Twilight Sad auf ihrer kurzen Tour mit We Were Promised Jetpacks live einen Vorgeschmack auf ihr neues Album No One Can Ever Know gaben. Und das schmeckte etwas ungewöhnlich, schienen sie doch eindeutig zu viel 80er Jahre Wave-Musik gehört zu haben. Nun präsentierten sie das inzwischen erschienene Machwerk auf ihrer eigenen Headliner-Tour und machten dabei im gemütlichsten Club des ganzen Ruhrgebiets, dem Duisburger Steinbruch, auch erstmals Station.
Eine unbekannte Kölner Vorband wurde sträflich ignoriert und kurz nach halb zehn erwartete man dann gespannt mit den ca. 100 anderen Anwesenden im gut gefüllten Raum die fünf Glasgower.
Kill It In The Morning vom neuen Album als Opener zeigte gleich direkt die "neuen" Twilight Sad, rhythmisch simpler und mit leicht erhöhtem Tempo, dafür auch mehr Keyboard-Einsatz. Doch James Grahams wunderbare Stimme mit den schönsten gerollten Rs, die der schottische Akzent zu bieten hat, rettete die Stücke vor der Langeweile, zumal der sonst so freundliche junge Mann auf der Bühne einfach magisch bis manisch wirkte. Da er sonst in den kleinen Clubs trotz seines mächtigen Organs oft nicht gegen den lauten Sound seiner Bandkollegen ankommt, war der wie immer gute Ton im Steinbruch umso angenehmer.
Die ersten zwei Drittel des Konzerts standen die Songs von No One Can Ever Know im Vordergrund, nur gelegentlich unterbrochen von älteren Hits wie I Became A Prostitute. Doch richtig magisch wurde es erst, als Graham wie gewohnt a cappella Cold Days From The Birdhouse anstimmte, gefolgt von And She Would Darken The Memory, leider bereits als vorletztes Lied des Abends angekündigt.
Und tatsächlich war nach At The Burnside Schluss und die Band ließ sich auch nicht zu einer Zugabe überreden.
Schlecht klangen die neuen Songs nicht, doch an die Überzeugungskraft der alten Kracher kamen sie nicht ran, haben aber Wachstumspotential.
Ostermontag, alle Schokohasen sind verputzt und alle bis jetzt nicht gefundenen Eier werden bald ihre Verstecke an Hand ihres Geruchs preis geben. Man könnte also mit prallem Bäuchlein auf der Couch liegen und der wieder drohenden Arbeitswoche harren, wenn da nicht das Steinbruch in Duisburg doch noch ein nettes Überraschungsei aus dem Hut gezaubert hätte.
Eigentlich sollten nur die amerikanischen Postrocker Beware Of Safety aufspielen, doch kurzfristig waren noch die Australier Sleepmakeswaves auf ihrer allerersten Deutschland-Tour mit ins Programm gerutscht, so dass aus einem möglichen Feiertagsabschluss ein Pflichttermin wurde.
Sleepmakeswaves haben letztes Jahr ihr erstes Album And So We Destroyed Everything veröffentlicht und ragten damit direkt aus dem immer unübersichtlicheren Wust an Instrumental-Bands heraus, da sie selbst in ihren atmosphärischeren Stücken eine unglaubliche Dynamik an den Tag legten.Diesen eindruck konnte das Quartett aus Sydney auch direkt mit dem ersten Song live bestätigen. Schlagzeuger und Bassist wiegten sich quasi im Gleichtakt in Stimmung, wie man es auch von Explosions In The Sky kennt, aber sobald der Drummer dann in Aktion war, gingen die übrigen drei ab wie eine Post-Hardcore-Combo.
Nach dem dritten Song war dann scheinbar ein Gitarrenverstärker hinüber, so dass flugs umgestöpselt werden musste. Die Pause wurde genutzt, um die Deutschkenntnisse zu erweitern, indem nach dem deutschen ausdruck für "technical difficulties" gefragt wurde, woraufhin sie in bester Ruhrpott-Manier "Scheße" als Antwort bekamen., ehe es mit dem wunderbaren Keep Your Splendid Silent Sun weiter ging.
Danach folgte auch schon das letzte Stück des Abends, fast schon entschuldigend als etwas längeres Lied angekündigt. Und tatsächlich beendete A Gaze Blank And Pitiless As The Sun ein beeindruckendes Set, das zwar nur fünf Lieder umfasste und doch gut eine Dreiviertelstunde dauerte und womit sich die Band bestimmt viele neue Freunde unter den knapp vierzig Anwesenden machen konnte.
Beware Of Safety machten schon in der Umbaupause neugierig. Selten hat ein Schlagzeuger so akribisch sein Kit positioniert und auch den Schuhwechsel des Gitarristen von Turnschuhen und Socken zu bequemen Slippern sieht man nicht alle Tage. Mit Leaves/Scars hat die Band gerade ihr zweites Album veröffentlicht und war nun ebenfalls zum ersten Mal zu Besuch in Deutschland. Wie ihre Label-Kollegen von Gifts From Enola erinnerten sie ebenfalls weniger an atmosphärische Postrock-Bands, sondern legten gerne mal einen Zahn zu und rockten auch fast schon metallisch. Doch schien dies den Schlagzeuger, der nebenbei auch noch für die elektronischen Effekte zuständig war, etwas zu überfordern, wirkten doch gerade die Tempowechsel innerhalb der Stücke manchmal arg holprig und auch der Rhythmusgitarrist klampfte manchmal etwas neben der Spur, was bei dem wieder einmal sehr guten Sound im Steinbruch sofort auffiel.
Nach einer knappen Stunde war Schluss, doch ließ sich die Band zu einer Zugabe überreden. Da dies offensichtlich nicht geplant war, setzte eine kurze Beratung ein, um dann auf Zuruf mit Circa vom Album Dogs einen kurzen, knackigen Schlusspunkt zu setzen.
Da zuvor Sleepmakeswaves so sehr überzeugten hatten, fielen Beware Of Safety etwas ab, auch wenn es immer noch ein gutes Konzert war.
Es mag Leute geben, die Kultur in Dortmund ausschließlich im Sinne von Spielkultur auf dem Rasen des Westfalenstadions verstehen, aber Kulturbanausen gibt es überall.
Seit August 2010 ist Paul Wallfisch musikalischer Leiter am Schauspielhaus Dortmund. Der gebürtige New Yorker machte musikalisch als Mitglied des Cop Shoot Cop-Nachfolgers Firewater auf sich aufmerksam und heimst seit Jahren mit seiner Band Botanica Kritikerlob ein. Neben der musikalischen Leitung für die Aufführungen im Schauspielhaus darf sich Wallfisch scheinbar austoben und so hat er die Veranstaltungsreihe Small Beast ins Leben gerufen. Hier präsentiert er am letzten Freitag eines Monats Künstler in der Theaterkneipe, dem Institut und lässt es sich als Conferencier nicht nehmen, auch selber Musik zu machen.
Zu Gast waren diesmal Dear Reader aus Südafrika und die französische Band Les Colettes, doch zunächst hatte der Gastgeber das Wort. Nachdem sich alle Anwesenden mühsam ein Plätzchen im ausverkauften Raum gesucht hatten, alle rückten zusammen, man setzte sich auf den Boden oder stand gedrängt an den Wänden, setzte sich Wallfisch ans Klavier, umgeben von einem organisierten Chaos aus Textblättern und Notizen und spielte einige Stücke solo, denn der Botanica-Gitarrist, der direkt aus Stuttgart kam, hatte sich dank der Deutschen Bahn verspätet. Ja, Botanica spielten auch, hat Wallfisch seine Bandkollegen doch quasi ins Ensemble des Schauspielhauses integriert und für die gerade laufende Inszenierung von Der Meister und Margarita die Musik geschrieben und als Botanica-Album veröffentlicht.
Gut zwanzig Minuten präsentierte Wallfisch sich als Entertainer und Rampensau, spielte Botanica-Songs, aber auch Coversongs, u. a. von Sandy Denny, ehe es interaktiv wurde. Die Telefonbuchpolka von Georg Kreisler trug er vor und ließ dabei an Hand ausgeteilter Zettel das Publikum lautstark mitsingen. Danach spielten die mittlerweile vollzähligen Botanica, bei denen übrigens zur Zeit Brian Viglione von den Dresden Dolls am Schlagzeug sitzt, einige Stücke, unter anderem mit der Geigerin von Les Colettes als Gast, ehe es eine weitere Überraschung gab. Wallfischs 14jähriger Sohn Roman präsentierte ein eigenes Stück (mit Botanica als Backing-Band) und man spürte den Stolz von Vater Paul, als es dafür lauten Applaus gab (auch wenn der ob der Qualität des Gesangs wohl eher aus Höflichkeit erklang), aber irgendwann muss ja ein werdender Künstler sich vor Publikum trauen und zumindest cool seine Gitarre spielen konnte der Bengel.
Die kurze Einleitung vor den eigentlichen musikalischen Gästen hatte so schon über eine Stunde gedauert und die Luft in der überfüllten Theaterkneipe war zum Schneiden, weshalb Les Colettes auf unsere Anwesenheit verzichten mussten, da wir lieber im Foyer frische Luft schnappten und ein Getränk zu uns nahmen. Die Musik klang nach draußen und sehr gut, präsentierten sie sich live doch dank der Gitarren rauer als auf den folkigen Songs, die man auf ihrer Facebook-Seite hören kann.
Kurz vor halb eins erklommen dann Dear Reader die Bühne. Statt in Bandbesetzung hatte Dear Reader-Chefin Cherilyn MacNeil heute nur eine Harfinistin dabei und aus Platzmangel war das sperrige Instrument auf der Theke des Instituts platziert worden. MacNeil selber wechselte zwischen akustischer Gitarre und Klavier, so dass die Songs ihres Albums Idealistic Animals noch reduzierter, aber dadurch noch intensiver klangen.
Durch die Hitze in dem kleinen Raum musste die Harfe ständig gestimmt werden und in diesen Pausen erzählte Cherilyn kleine Anekdoten aus ihrem Leben, z. B. dass ihre ersten Worte auf Deutsch "Dies ist kein Fahrradweg" waren.
Nach einer knappen Stunde verließen sie die Theke, doch als guter Conferencier und unterstützt vom lautstarken Beifall des begeisterten Publikums holte Wallfisch sie zurück, versorgte sie mit Getränken, so dass noch zwei weitere Lieder folgten.
Gegen halb zwei war dann ein langer Abend zu Ende und man kann es jedem nur ans Herz zu legen, sich auch mal etwas Kultur im Dortmunder Schauspielhaus zu gönnen, denn diese Small Beast-Reihe ist ein Gigant der Unterhaltung.