Sonntag, 3. Januar 2016

Best Of 2015

Wieder einmal ist es Zeit für den musikalischen Jahresrückblick. 2014 waren es bei mir 87 Konzerte gewesen und ich schrieb damals, "die Fülle hat sich einfach so ergeben, ohne hier nach Rekorden streben zu wollen. Der Hauptgrund dürfte vor der Haustür liegen, denn allein 35 Konzerte habe ich in Dortmund gesehen, ein Beleg dafür, dass in der Stadt mehr los ist als in den Jahren zuvor" Ich gelobte Besserung, endlich wieder Berichte zu schreiben und alles nachzuholen. Nun, diesen guten Vorsatz übernehme ich einfach mal ins neue Jahr 2016, denn auch letztes Jahr wurde nichts daraus. Diesmal waren es sogar 89 Konzerte, davon 41 in Dortmund, die Zeit ist also weiterhin viel zu knapp bemessen, um alles gerecht zu würdigen.

Im folgenden wieder meine Highlights des abgelaufenen Musikjahres, wie immer schweren Herzens aus der Fülle der besuchten Konzerte und Veröffentlichungen ausgewählt..

London - The Courtyard Theatre

Beste Konzerte



  • A Winged Victory For The Sullen (Münster - Jugendkirche effata[!])

  • Wunderschöne Musik in einem perfekten Ambiente.


  • Therapy? (Düsseldorf - Haus der Jugend)

  • Eines der besten Therapy?-Konzerte der letzten Jahre mit unglaublich viel Energie auf und vor der Bühne.


  • Mac McCaughan (London - The Courtyard Theatre)

  • Der Superchunk-Sänger diesmal solo, und natürlich wieder nicht in Deutschland unterwegs, aber für die ganzen Hits ist kein Weg zu weit..


  • FFS (Köln - Gloria)

  • Franz Ferdinand zusammen mit den Sparks, das war eine einzige Party.


  • Zola Jesus (Prag - MeetFactory)

  • Live überraschend hart und druckvoll.


  • Tour Of Tours (Essen - Zeche Carl)

  • Fast ein Dutzend Musiker aus fünf verschiedenen Bands machen einfach mal was zusammen und übertrugen ihre Spielfreude mühelos aufs Publikum.


  • The Robocop Kraus (Dortmund - Sissikingkong)

  • Immer noch so gut wie vor Jahren.


  • Swans (Dortmund - FZW)

  • Auch wenn ich diesmal auf die 150 Minuten Inferno vorbereitet war, packten sie mich erneut


  • The World/Inferno Friendship Society (Oberhausen - Druckluft)

  • P-A-R-T-Y!!!.


  • The Twilight Sad (Köln - Gebäude 9)

  • Diese Stimme...

    Nur zehn Konzerte aus 89 besuchten auszuwählen bedeutet, Live-Auftritte unter ferner liefen einzuordnen, die dennoch toll waren. In diese Kategoerie fielen 2015 z. B. die Auftritte von Paper Beat Scissors (Duisburg - Steinbruch), The Phantom Band (Köln - Blue Shell), aniYo kore (Dortmund - Rekorder und Dormund - Oma Doris), Sissikingkong (Dortmund - Subrosa), Electric Six (Essen - Turock), Franz Nicolay (Dortmund - FZW), Son Lux (Köln - Yuca), Faith No More (Berlin - Zitadelle Spandau) oder Timber Timbre (Düsseldorf - Zakk).

    Beste Alben

    Bei den Alben des Jahres gab es diesmal einen Sieger mit großem Abstand, was allerdings die übrigen Favoriten keineswegs zu schlechten Platten macht..



  • Algiers - Algiers

  • Gospel-Post-Punk-Soul, eine politische Botschaft und eine unglaubliche Stimme.


  • Courtney Barnett - Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit

  • Textzeilen wie Put me on a pedestal and I'll only disappoint you sind unbegründet, das Album erfüllt alle Erwartungen.


  • A Mote Of Dust - A Mote Of Dust

  • Craig B. geht den musikalischen Weg von Aereogramme zu The Unwinding Hours weiter und ist nun solo als A Mote Of Dust angekommen bei schlichter Schönheit.


  • Health - Death Magic

  • Brachialer Elektropop

  • Mac McCaughan - Non-Believers

  • Solo mit einem angenehmen Hauch 80er, aber dennoch einem Haufen Superchunk-Melodien.


  • Guy Garvey - Courting The Squall

  • Solo überrascht der Elbow-Sänger mit jazzigen Elementen und übertrifft so das letzte Album seiner Hauptband um Längen.

  • aniYo kore - Tally Sticks

  • This is Dortmund, not Bristol.


  • Desaparecidos - Payola

  • Klassischer Indie-Rock ist nicht tot

  • FFS - FFS

  • Von wegen This town ain't big enough for bopth of us, gelungenste Kollaboration seit langem.

  • Jeff Rosenstock - We Cool

  • Es klingt wie J Church und damit schafft der ehemalige Bomb The Music Industry-Frontmann das Punkalbum des Jahres.

    Ebenfalls sehr, sehr gut und hörenswert sind u. a. The World Is A Beautiful Place And I Am No Longer Afraid To Die - Harmlessness, Mercury Rev- The Light In You, Viet Cong - Viet Cong, Great Cynics - I Feel Weird, Fidlar - Too, Beach Slang - The Things We Do To Find People Who Feel Like Us, Waxahatchee - Ivy Tripp, Paper Beat Scissors - Go On, Chelsea Wolfe - Abyss, Martin Gore - MG, Laura Stevenson - Cocksure, Mas Ysa - Seraph, Vennart - The Demon Joke, The Soft Moon - Deeper, Son Lux - Bones.

    Außerdem noch zwei besondere Alben, die man eigentlich nicht am Stück hören kann, aber dennoch erwähnt werden müssen: Kamasi Washington - The Epic.(sein erstes offizielles Album und dann gleich ein dreistündiges Epos als Triple-CD, teils cinemascoper Jazz) und Max Richter - Sleep (ebenfalls ein Epos, acht Stunden schöne Ambient-Musik, als Musik zum Schlafen gedacht, aber auch wach goutierbar)

    Beste Songs

    Im Gegensatz zu früheren Jahren nur Stücke, die als EPs/Singles veröffentlicht wurden



  • United Fruit - Nightmare Recovery

  • Glasgower Noiserock auf den Spuren Trail Of Deads

  • Iron Chic - Ys

  • Wenigstens eine Single verkürzte das Warten auf ein neues Album

  • The Twilight Sad (feat. Robert Smith) - There's A Girl In The Corner

  • Eigentlich ein Dokument des Scheitern Robert Smiths im Vergleich zu James Graham, aber dennoch...

  • Racing Glaciers - What I Saw

  • Umwerfend im Vorprogramm der Dodos, 2016 hoffentlich mit dem ersten Album wieder am Start

  • The Prodigy feat. Sleaford Mods - Ibiza
  • Fett!

    Und 2016? Das Jahr beginnt gleich im Januar mit einer kleinen Deutschlandreise, da A Mote Of Dust das erste Mal auf Tour sein werden. Ob da Zeit bleibt, endlich mal wieder Berichte zu schreiben...

    Mittwoch, 31. Dezember 2014

    Best Of 2014


    Und wieder einmal Zeit für die Jahreslisten. Wobei Zeit ein ganz kritischer Faktor im Jahr 2014 war. Nach dem Motto "Je oller, je doller" war ich im abgelaufenen Jahr auf 87 Konzerten, so vielen wie noch nie zuvor. Die Fülle hat sich einfach so ergeben, ohne hier nach Rekorden streben zu wollen. Der Hauptgrund dürfte vor der Haustür liegen, denn allein 35 Konzerte habe ich in Dortmund gesehen, ein Beleg dafür, dass in der Stadt mehr los ist als in den Jahren zuvor.
    In Folge dieser Veranstaltungsflut kam ich ab August mit dem Schreiben der Berichte nicht mehr nach (ich höre aus dem Off "Fauler Sack!"-Rufe und kann nicht widersprechen), doch die werden alle nachgeholt, versprochen.

    Highlights gab es natürlich viele, so dass es mir schwer fällt, ein oder zwei Konzerte besonders hervorzuheben. Am meisten beeindruckt haben mich 2014 die Auftritte der Swans, Grant Hart, Augustines und Jack White (der eigentlich nur ein Nebenprodukt einer Reise nach London zu Monty Python in der o2 Arena war), ohne jedoch wirklich eine Reihenfolge der Top Ten damit vorgeben zu wollen.

    London - The o2

    Beste Konzerte





  • Swans / Pharmakon (Hannover - Pavillon)

  • 150 Minuten lang wurde das Publikum mit über 100 Dezibel an die Wand gepresst, nachdem es bereits zuvor von Pharmakon bearbeitet worden war.


  • Grant Hart w/ Stargaze / The Dodos w/ Stargaze (Berlin - Heimathafen Neukölln)

  • Zuerst verschönerte das Berliner Kollektiv Stargaze die Songs der Dodos, danach ließ es mit Grant Hart die Songs seiner Platte The Argument so gut klingen, wie er selber im Studio nicht geschafft hat.


  • Augustines (Düsseldorf - Zakk)

  • Der Konzertabend mit der vielleicht positivsten Energie in diesem Jahr.


  • Jack White (London - Eventim Apollo)

  • Ein zweistündiges Feuerwerk an Hits aus all seinen Schaffensphasen, von The White Stripes über Raconteurs, The Dead Weather und seinen Soloalben.


  • Gallon Drunk (Münster - Gleis 22)

  • Epischer R.O.C.K.


  • Son Lux (Dortmund - FZW)

  • Traumhafte elektronische Klänge, die live als Rock-Trio umgesetzt wurden und dabei nichts von ihrer Schönheit verloren.


  • Thurston Moore (Bielefeld - Forum)

  • Thurston Moore klang wieder wie Sonic Youth.


  • Thalia Zedek (Dortmund - Schauspielhaus)

  • Die alte Dame mit der rauen, aber zerbrechlichen Stimme sorgte für den schönsten Abend bei den Small Beasts in diesem Jahr.


  • Vin Blanc/White Wine (Dortmund - Sissikingkong)

  • Es gibt Menschen mit einer unglaublichen Bühnenpräsenz, Joe Haege von Tu Fawning / 31 Knots gehört dazu, was er auch mit seinem vom Solo- zum Duoprojekt gewachsenen Vin Blanc unter Beweis stellte.


  • Dÿse (Hamburg - Hafenklang)

  • So wie in Hamburg sollten alle Dÿse-Konzerte sein, ein voller Laden rastet zum Noiserock des Duos komplett aus.

    Nur zehn Konzerte aus 87 besuchten auszuwählen bedeutet, tolle Abende unter ferner liefen einzuordnen, die dennoch herausragend waren. In diese Kategoerie fielen 2014 z. B. die Auftritte von Sleaford Mods (Duisburg - Djäzz), Allo Darlin' (Köln - Die Hängenden Gärten von Ehrenfeld), The Burning Hell (Düsseldorf - Kassette), Bob Mould (Köln - Gebäude 9), Turbostaat (Hamburg - Knust), Mono (Köln - Gebäude 9), The Pack AD (Köln - MTC), Marcus Wiebusch (Köln - Gloria), aniYo kore (Dortmund - Sommer am U), Die Nerven (Bochum - Die Trompete) oder Kreidler (Dortmund - Museum am Ostwall).

    Beste Alben



    Auch bei den Alben des Jahres war es sehr schwierig, die Auswahl einzugrenzen und auch hier ist die Reihenfolge nur bedingt als Wertung zu verstehen.



  • Ben Frost - Aurora

  • Es war für mich ein Jahr, in dem ich die Schönheit von strukturiertem, instrumentalem Lärm mal wieder schätzen gelernt habe und dieses Album stand da dann doch ein klein wenig über den anderen.

    • Allo Darlin' - We Come From The Same Place

    • Zumeist sonniger Gitarrenpop, der mich immer wieder an die Songs von Grant McLennan bei den Go-Betweens erinnerte..


    • Broken Records - Weights & Pulleys

    • Für mich dieses Jahr das beste aus Schottland, schlug die neuen Alben von The Twilight Sad, We Were Promised Jetpacks oder The Phantom Band um Längen..


    • bvdub - Tanto

    • Der in China lebende Amerikaner Brock Van Wey veröffentlicht Dub/Ambient-Alben am Fließband, ca. 25 in den letzten fünf Jahren, dieses Jahr vier. Dabei war Tanto sein vielleicht rhythmischstes und songorientiertestes und daher in meinen Top Ten.


    • Fugazi - First Demo

    • Eigentlich kein neues Album, sondern die Veröffentlichung der ersten Demos von 1988, eingespielt nach nur zehn Shows. Dennoch hat es mehr Energie und Klasse als fast alles, was sonst dieses Jahr im Bereich Hardcore veröffentlicht wurde.


    • Manchester Orchestra - Cope / Hope

    • Zuerst rockten Manchester Orchestra so fett wie zu Zeiten von Mean Everything To Nothing, dann veröffentlichten sie die Songs von Cope noch einmal in ruhigen Versionen unter dem Titel Hope und beides klingt wunderschön.


    • Dÿse - Das Nation

    • Ihr vielleicht straightestes Album, eine Dampfwalze der guten Laune.


    • Cheap Girls - Famous Graves

    • Eine weitere Sammlung an stoischen, fast schon phlegmatischen Hits.


    • Sisterkingkong - Daily Grind

    • Altmodischer, feiner Indie-Gitarrenrock, wie es Ende der 80er nur in Ostwestfalen gab und der heutzutage so scheinbar nur noch in Dortmund zelebriert wird.


    • Daily Thompson - Daily Thompson

    • In Dortmund scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, denn auch dies ist altmodische Musik, früher nannte man das Grunge.

      Zum Rest of the Best gehören u. a. Gallon Drunk - The Soul Of The Hour, Landlady - Upright Behavior, The Holy Mess - Comfort In The Discord, Sleaford Mods - Divide & Exit, Die Nerven - Fun, Honig - It's Not A Hummingbird, It's Your Father's Ghost, Thurston Moore - The Best Day, Weezer - Everything Will Be Alright In The End, Marcus Wiebusch - Konfetti, The Pack AD - Do Not Engage, Jack White - Lazaretto, Scott Walker + SunnO))) - Soused, Sylvan Esso - Sylvan Esso, FKA Twigs - LP 1, Mono - The Last Dawn / Rays Of Darkness.

      Besondere Erwähnung soll aber auch noch U2 - Songs Of Innocence finden, denn geschenkt ist noch zu teuer und das Album zu löschen hat deutlich mehr Spaß gemacht, als vorher es anzuhören.

      Beste Songs  





    • Moonface - The Fog

    • Wäre City Wrecker nicht nur eine EP, sie gehörte definitiv in die Top Ten der Alben des Jahres

      • tUnE-yArDs - Water Fountain

      • Groovy


      • Jack White - High Ball Stepper

      • Das beste Instrumental des Jahres


      • Marcus Wiebusch - Der Tag wird kommen

      • Zwar nicht der beste, aber der vielleicht wichtigste Song des Jahres


      • Son Lux & Lorde - Easy (Swich Screens)

      • Ein musikalisches Traumpaar


      • Dÿse - Nackenöffner

      • Der Titel ist Programm


      • The Holy Mess - The Weight

      • Eines der wenigen Highlights in einem eher ruhigen Jahr für Amipunkbands


      • RVIVR - 20 Below

      • Eines der wenigen Highlights....


      • Johnny Foreigner - Stop Talking About Ghosts

      • Eines der wenigen Highlights...ach, das sind ja Engländer, egal


      • Get Well Soon - Staying Home

      • Dieses ellenlange Outro von Derek & The Dominos' Layla....

        Mal schauen, was 2015 so bringt. Man sieht sich irgendwo am Bühnenrand.

        Montag, 18. August 2014

        Tigeryouth

        Tigeryouth

        17.08.14 Subrosa, Dortmund

        Schon wieder ein Mann und seine Gitarre und schon wieder im Subrosa., gut eine Woche nach Jeff Beadle nun also Tigeryouth. Tigeryouth alias Tilmann ist aber im Gegensatz zu Jeff Beadle bereits zum dritten Mal in der Dortmunder Nordstadt zu Gast und diesmal als Hauptact (zur Sicherheit gab es auch keine Vorgruppe, damit er wirklich der Star des Abends war). Er mag das Subrosa und das Subrosa ihn offensichtlich auch, denn eigentlich hat die Kneipe Sonntags zu, aber für ihn wurde eine Ausnahme gemacht.

        Tigeryouth

        "Aber heute kriegt mich nichts und niemand aus dem Haus" sang er in Disko und während diejenigen, die sich daran gehalten haben, die Tagesschau einschalteten, betrat Tilmann die Bühne und rotzte seine Lieder raus. Auf seiner Bandcamp-Seite nennt sich das Akustik-Punk und das passt wie die Faust aufs Auge. Keine Songs über drei Minuten, klangen sie wie akustische Versionen von Captain Planet oder auch den Get Up Kids, die Texte drehen sich oft um die Selbstfindung in einer Welt, in der er sich nicht direkt fehl am Platz, aber doch zumindest jenseits der Masse zu sehen scheint: "Du bist zu zehn Prozent du selbst und zu neunzig Prozent wie der Rest der Welt. [...] Das bist du. Das bin ich nicht." (aus Feierabendbier)
        Das Ganze wurde rausgebrüllt, dazu hibbelte er so sehr rum, wie es am Mikro stehend überhaupt ging. Kein Wunder, dass er nach den Liedern außer Atem ist und das Nachstimmen der Gitarre als willkommene Erholungspause nutzte.


        Die kraftvolle Präsentation und sein sympathisches Auftreten verhinderten, dass auch nur im Ansatz peinliche Momente entstanden, Punk ist halt in der Regel nicht sentimental. Nach potentiellen Hits wie Vor Berlin, Alles geht kaputt oder Streichholz verabschiedete sich Tigeryouth von den Anwesenden (er selber hatte mit fünf gerechnet, es wurden aber zu seiner Freude doch 15-20), die ihn aber noch zu einer Zugabe animieren konnten. Dafür verließ er dann die Bühne und spielte Robots zwischen Theke und Klo (aka die Tanzfläche im Subrosa) und zog dann nach gut 45 Minuten endgültig den Stecker raus.

        Tigeryouth

        Der Mann machte einfach Spaß und was im intimen Rahmen funktionierte, wird bestimmt auch am Dienstag im FZW gut ankommen, wenn er sein nächstes Konzert in Dortmund spielt, diesmal im Vorprogramm von East Cameron Folkcore. Ich werde jedenfalls da sein.

        Mittwoch, 13. August 2014

        Jeff Beadle

        Jeff Beadle

        08.08.14 Subrosa, Dortmund

        Oh, ein weiterer Mann und seine Gitarre, lohnt sich das wirklich? Dafür sprach natürlich das nette Subrosa und die Empfehlung, dass Beadle am Abend zuvor auf dem Haldern Festival gespielt hatte. Also ab in die Dortmunder Nordstadt, wo man vor dem Subrosa auch schon mal aus einem vorbeifahrenden Auto Goldkettchen zum Kauf angeboten bekommt.

        Jeff Beadle

        Nachdem der Laden um kurz nach acht noch recht übersichtlich besucht war, war es um neun, als Beadle die Bühne betrat, ansehnlich voll. Jeff ist zwar Kanadier, doch seine Musik ist deutlich im amerikanischen Folk und Country verwurzelt, hat mit seinen Landsleuten von z. B. Evening Hymns oder den Solo-Auftritten eines Jason Collett nicht viel gemein. Das war auf den ersten Blick zwar schade, bin ich doch kein wirklicher Freund der "neuen" Americana-Welle mit Leuten wie Chuck Ragan oder Dave Hause (weil ich dafür ihre Punk-Wurzeln in ihren Bands zu sehr mag), aber der Abend war dennoch höchst kurzweilig und unterhaltsam. Jeff Beadle kam einfach zu sympathisch rüber und konnte mit seiner leicht angerauten Stimme überzeugen, die den nötigen Biss hatte, ohne aber zu Whiskey geschwängert zu klingen.

        Jeff Beadle w/ Frank Gairdner

        Bei zwei Songs wurde er an der Mundharmonika unterstützt, wobei einer davon zu meinen persönlichen Highlights des Abend zählte, nutzte Beadle den Rhythmus zu einem ausgedehnten Jam, der den Folk-Pfad verließ und dennoch kein langweiliges Geklampfe bot. Die anderen Highlights waren zwei Coverversionen. Nothing Ever Happens, im Original von den Schotten von Del Amitri aus dem Jahre 1989 eher eine peinliche Mitsingnummer, wurde ihm von seiner deutschen Plattenfirma empfohlen und war ihm bis dahin unbekannt.


        Der Song gewann in Beadles Interpretation deutlich, gerade wenn man wie ich noch das Original und vor allem damals auch das zugehörige Video kannte, einer unglaublich aufgesetzten Performance. Da gerade erst sein erstes Album The Huntings End auf dem Köln-Halderner Label Butterfly Collectors erschienen ist, war nach einer knappen Stunde bereits Schluss. Eine Zugabe wurde erklatscht, danach zog Beadle den Stecker aus seinem Pedal. doch die Anwesenden waren so begeistert, dass er sogar einen weiteren Nachschlag gewährte, das zweite Cover des Abends.
        Diesmal spielte er einen Song vom ersten Album des amerikanischen Grammy-Gewinners Ray LaMontagne. Das wunderschöne Jolene wurde auch schon von Justin Bieber live vergewaltigt, während Beadle hingegen die Melancholie des Stückes sehr treffend einfing und so einen herausragenden Abschluss seines schönen Auftritts bot.


        Ja, es hat sich gelohnt, einen weiteren Mann und seine Gitarre live zu erleben.

        Sonntag, 20. Juli 2014

        ChefBambixdenker / Betrunken im Klappstuhl

        Chefdenker / Bambix / Betrunken im Klappstuhl

        19.07.14 Rekorder, Dortmund

        35 Grad im Schatten, da ist man doch froh, wenn man sich in einen kühlen Kellerraum zurückziehen kann. Der Keller gehörte zum Rekorder, gegenüber vom Subrosa und der einzige Nachteil war, dass ich nicht alleine mit den zwei Ventilatoren in dem Raum war. Es hatte sich auch noch das kölsch-holländische Doppelpack der guten Laune, Chefdenker und Bambix, angekündigt, die sich den Schlagzeuger teilen und daher an diesem Abend auch die Bühne.
        Wenn also schon Chefdenker im Hause waren, musste das Vorprogramm natürlich ebenfalls eine besondere intellektuelle Herausforderung darstellen. Und so hatte man die Stammtischphilosophen der Privatuni Castrop-Rauxel von Betrunken im Klappstuhl gebeten, eine kurze Vorlesung über den Zustand der Welt zu halten.

        Betrunken im Klappstuhl

        Zu sechst aber ohne Klappstuhl standen sie dann um kurz nach neun auf der kleinen Bühne und reckten in bester Klassenkampf-Pose die Fäuste zu Europes The Final Countdoen in die Luft. Die sechs Seiten eines Würfels als Kontraposition zu Einsteins These, dass Gott nicht würfelt, bereit für den Kampf gegen den Niedergang der Gesellschaft, wie wir sie kennen, der letzte Countdown, das Armageddon, die Apokalypse. Auch im ersten Lied Lili zeigten die Stuhlis, wie sie liebevoll von niemandem genannt werden, dass sie mitten im Leben stehen, indem sie Ebene und Meta-Ebene kunstvoll vermischten und passend zur Textzeile "Trinkpause" auch gleich eine einlegten.
        Danach folgte dann ihr politisches Manifest, das Pamphlet Südamerika, das mit seiner provokanten Aussage "Ich bin hier zum Komasaufen, ich will hier nicht diskutieren" messerscharf den Finger in die Wunde der post-industriellen Konsumgesellschaft legte und gerade durch seine zeitgeschichtliche Aktualität angesichts der Dichotomie zwischen dem sozialen Überlebenskampf in den brasilianischen Favelas (Brasilien liegt in Südamerika, klingelts?) und der Hyper-Kommerzialisierung der Fußball-Weltmeisterschaft wertvoller denn je ist. Beharrliches Wiederholen dieser beiden Stücke sollte hier den Lerneffekt bei den anwesenden Studierenden stärken. Auch die zwischenzeitlichen Ankündigungen, "wir spielen so lange, bis ihr alle gegangen seid", diente nur der Lernmotivation, denn die Schule verlässt man ja auch erst, wenn man den erfolgreichen Abschluss geschafft hat. Zur Auflockerung wurden zwischendurch noch kleine Divertissements geboten, jedes aber auch komprimierte Lektionen über den Zustand der Gesellschaft. Auch bei Wo ist das Kind mit meinem Café Latte wird der Wohlstandsgesellschaft textlich durch "ohne Moos nix los, ich bin arbeitslos" das jüngste Gericht vor Augen gerufen, der finale Countdown dabei allgegenwärtig in jedem Stück.


        Gleichzeitig verdeutlichte die Art des Vortrags symbolisch die Entmenschlichung unserer Kultur, in der das Individuum zum austauschbaren  Platzhalter mutiert ist. Gleich drei Bassisten wurden während der Darbietung verschlissen, immer wieder neu durch zufällig Anwesende ersetzt. Aufkommende Zivilcourage wurde symbolisch bestraft, indem der Schlagzeuger freiwillig während der Performance ausstieg, dadurch aber die Runde Schnaps für das Künstlerkollektiv verpasste. So funktioniert Kapitalismus, kleine Brotkrumen halten den Papagei im Käfig am Singen.
        Das Publikum wurde dann irgendwann doch völlig verstört an die Theke entlassen, die Bühne wurde für die Chefdenker geräumt. Sie präsentierten als Gegenentwurf ein alternatives Kapitalismusmodell. Die Zukunft liegt in Europa und im Jobsharing, an diesem Abend in einer deutsch-niederländischen Koproduktion exemplifiziert. Je abwechselnd spielten Chefdenker und Bambix drei Stücke, bevor die andere Band übernahm, ein Musterbeispiel an Synergieeffekten, denn lästige Umbaupausen entfielen und die Auftritte beider Bands wurden so in zwei Stünden an einem Stück abgewickelt, schließlich ist Zeit Geld.

        Bambix

        Dennoch wurde dabei eine teutonische Hegemonie als Land der Dichter und Denker deutlich, denn nicht nur dass Chefdenker das Gemeinschaftsprojekt begannen und kurz nach Mitternacht beendeten, auch sang Wick Bambix zwei Lieder auf deutsch und zeigte auch so, wer der amtierende Weltmeister ist. Nicht verschwiegen werden soll hier aber die Schattenseite dieser Utopie, denn Schlagzeuger und Bassist mussten bei beiden Bands ran, standen also die gesamten 120 Minuten unablässig auf der Bühne, ein Symbol, dass Kaptalismus auch in einer scheinbar funktionierenden Form der Ausbeutung von Randgruppen bedarf.
        Vordenker Claus Lüer scheint auch eine geradezu pathologische Vorliebe für den Buchstaben C zu haben, plünderte er doch nicht nur das Repertoire seines Think Tanks Chefdenker, sondern auch das eigene Archiv in Form von Beiträgen aus den Werken von Casanovas Schwule Seite (Höllenfeuerlicht) und Cnochenfabrik (Fuck Off, Filmriss), jedes für sich bereits ein eindringliches Statement zur Lage im Keller des Rekorder.


        Hier herrschte nämlich inzwischen von den Temperaturen her eine Fegefeuer-Atmosphäre, die nur durch unkontrollierte Elektrolytzufuhr auf Hopfenbasis zu ertragen war. So war es nur stringent, den Filmriss ans Ende der Veranstaltung zu setzen. Um jedoch den kritischen Aspekt der Vorlesung auch hier zu verdeutlichen, dass in dieser Gesellschaft der Weg zum Erfolg und persönlichen Glück nur durch harte Entbehrungen zu bewältigen ist, ging der finalen Erlösung ein fünfminütiges Blues-Solo voraus, wie es Eric Clapton (man beachte das C!) nicht besser hinbekommen hätte. Und da Clapton bekanntlich im Volkssmund Gott ist, ist das Leiden von Gott gewollt und er somit der Teufel, eine Ambiguität, die radikaler ist als Nietzsches profanes "Gott ist tot".

        Chefdenker

        Marcel Reich-Ranickis "Am Ende sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen" schwebte somit als Fazit über diesen als harmloser Punkrock getarnten Diskurs über den Sinn des Lebens in der heutigen Zeit, einer Rückbesinnung auf Bier und Schweiß als Nährboden für die ganz großen Gedanken, die diese Welt voranbringen. Prost!