Freitag, 17. Mai 2013

Astronautalis

Astronautalis / Conquering Animal Sound

15.05.13 Druckluft, Oberhausen

Ich war auf einem Hip Hop Konzert und es hat gerockt. Bislang konnte ich dieses nur in Zusammenhang mit den Beastie Boys behaupten, doch seit Mittwoch wurde mein Horizont erweitert.

Die Spielwiese von Conquering Animal Sound

Jahrelang war Astronautalis irgendwie an mir vorbei gegangen, auch wenn Bekannte immer wieder von dem weißen Amerikaner Andy Bothwell geschwärmt haben. Sein aktuelles Album This Is Our Science ist nun schon zwei Jahre alt und zum ersten Mal ist er mit Band damit in Europa unterwegs (sonst war er alleine mit seinem Laptop auf Tour). Ein kurzer Click durch diverse YouTube-Videos und ich wusste, dass der Auftritt im Druckluft nicht ohne mich stattfinden würde, zumal mit Conquering Animal Sound auch noch ein interessantes schottisches Elektronik-Duo mit auf der Bühne stand.

Conquering Animal Sound
Conquering Animal Sound kommen aus Glasgow und bestehen aus James Scott und Anneke Kampmann (welch typisch schottischer Name). Ihr gerade erschienenes zweites Album On Floating Bodies erschien bei Chemikal Underground, was schon Kaufempfehlung genug sein sollte.
Die Bühne bestand aus einem Keyboard-Regal und einem Tisch voller Spielzeug, Laptops und auch nicht-elektronischem Gerät. Hier tobte sich hauptsächlich James, auch optisch ein typischer Schotte, aus, während Anneke hauptsächlich für den Gesang zuständig war. Ihre Stimme erinnert auf Platte manchmal sehr an Björk und auch Lena Meyer-Landrut, doch live relativierte sich dieser Eindruck zum Glück. Vor allem Annekes Bühnenpräsenz ist beeindruckend. Nur selten wirkte sie so introvertiert wie ihre Musik und hatte die Augen geschlossen, meistens suchte sie den direkten Blickkontakt mit dem Publikum.


Nach vierzig Minuten war der gelungene Auftritt vorbei und man konnte am Merch-Stand sehen, dass das Duo an diesem Abend neue Freunde gewonnen hatte.
Anschließend wurde das Spielzeug abgeräumt, der Tisch blieb aber auf der Bühne, denn darauf platzierte Andy Bothwell aka Astronautalis sein Equipment, ein Tablet, das für die elektronischen Sounds verantwortlich war, während Schlagzeug und Gitarre live gespielt wurden.

Astronautalis

Da live die Gitarre natürlich viel prominenter als auf den Alben von Astronaulis war, entwickelte sich von Anfang an ein Indierock-Konzert mit einem mehr rappenden als singendem Frontmann. Und die ca. 100 Besucher im gut gefüllten Druckluft groovten sofort mit. Bothwell versprühte eine so positive, mitreißende Energie, die einfach ansteckte und als Rapper ist er ein erfahrener Wortakrobat, der einfach weiß, wie man mit kleinen Geschichten das Publikum unterhält.


So erzählte er Anekdoten von seinem letzten Aufenthalt in Oberhausen, wie er sich ein Tattoo stechen ließ und nahm auch die Geschichte von Conquering Animal Sound auf, die zwischen Soundcheck und Auftritt ins Hotel eincheckten und auf dem Weg dahin von der Polizei angehalten wurden, um seine Erfahrungen mit der deutschen Obrigkeit zum Besten zu geben. Überhaupt fand er sehr lobende Worte für Conquering Animal Sound, die den zweiten von nur drei Auftritten im Vorprogramm von Astronautalis spielten. Tags zuvor in Gleis 22 hatte er sie nur durch die geschlossene Tür zum Backstage-Raum gehört und heute hatte er ihr Set neben der Bühne verfolgt und war nach eigener Aussage total beeindruckt.


Diese freundlichen Worte passten zu seinem ganzen Bühnenverhalten. Hier kombinierte er die Energie eines Rock-Sängers mit den Gesten eines Hip Hoppers, alles immer mit einem erfreuten Lächeln im Gesicht, wenn das Publikum mitsang oder sonst irgendwie positiv reagierte und das tat es ständig.
Musikalisch gab es alle Hits aus den beiden Alben Pomegrante und This Is Our Science, aber auch einen neuen Song mit dem vorläufigen Arbeitstitel Force Fire. Ein Höhepunkt war aber das bei Astronautalis live zum festen Repertoire gehörende Freestyle-Segment, bei dem Bothwell sich wahllose Begriffe aus dem Publikum zurufen ließ, um darüber zu rappen. Oberhausen zeigte sich hierbei kreativ und schlug ihm u. a. Heisenberg, "cod liver oil" und Detlef Schrempf vor, die er auch alle mühelos unterbrachte.
Nach gut siebzig Minuten war zunächst Schluss, doch natürlich gab es eine Zugabe und hier drehten Astronautalis noch einmal so richtig auf und brachten vor allem mit Trouble Hunters auch die Anwesenden zum Mitgröhlen oder wie Andy sagte: "If you know the words, sing along; if you don't, just yell".


Kurz vor Mitternacht war dann eines der bisherigen Konzerte des Jahres vorüber und ich wusste, warum meine Bekannte so von ihm schwärmte.

Montag, 13. Mai 2013

Chvrches

Introducing 

w/ Chvrches / Claire

11.05.13 Gebäude 9, Köln

Das Intro hatte eine gute Idee und schickt daher seit einiger Zeit mehrere Newcomer unter dem Label Introducing auf Club-Tour. Um das Publikum zu diesen meist recht unbekannten nationalen und internationalen Acts zu locken, kostet der Spaß keinen eintritt, sondern nur eine E-Mail, um sich für die Gästeliste anzumelden.
Für die Introducing-Reihe im Mai gelang ihnen dabei der Coup, eine der zur Zeit meist gehypten Bands überhaupt als Headliner zu verpflichten, Chvrches aus Glasgow. Ihre erste Deutschland-Tour (von einem Einzel-Gig in Berlin letzten Monat mal abgesehen) bestreiten sie dabei mit Mighty Oaks, Young Galaxy und Claire.

Claire

Wie groß die Nachfrage sein würde, konnte man daran erkennen, dass die Registrierungsliste bereits im Vorfeld wegen Überfüllung geschlossen wurde. Da um 19 Uhr Einlass sein sollte, machten wir uns auch rechtzeitig auf den Weg, um schon gegen halb sieben am Gebäude 9 zu sein, denn nur der frühe Vogel würde den Wurm fangen. Der wie üblich chronisch überfüllte Regionalexpress von Dortmund nach Köln kam allerdings mit über 20 Minuten Verspätung in Deutz an und auch wenn der Einlass auf halb acht verschoben worden war, nahmen wir uns ein Taxi anstatt des üblichen 25minütigen Spaziergangs am Messegelände entlang. Als wir in die einfahrt zum Gebäude 9 bogen, beglückwünschten wir uns zu der Entscheidung, denn es hatte sich bereits eine stattliche Schlange gebildet.Dementsprechend öffneten die Tore doch bereits früher als geplant, so dass wir nach erfolgreichem Eintritt gemütlich und entspannt das weitere Treiben von den im Hof aufgestellten Bänken verfolgen konnten.

Chvrches

Die Menschenschlange nahm kein Ende und wir wunderten uns, wie viele Leute in das Gebäude 9 reingelassen wurden. Erst als um halb neun Mighty Oaks anfingen zu spielen, war der Spuk vorbei und scheinbar war niemand nach Hause geschickt worden, obwohl ich hätte schwören können, dass deutlich mehr Menschen sich angestellt hatten, als in die kleine Werkshalle reinpassen. Da laut Zeitplan Chvrches erst kurz vor halb zwölf spielen sollten, wurden die ersten zwei Bands Opfer der Nahrungs- und Getränkesuche im umliegenden Viertel. Wer wissen möchte, was wir verpasst haben, dem sei hier der Bericht des Manns ohne Zuhause, Christoph vom Konzerttagebuch, empfohlen. Es war übrigens beruhigend zu lesen, dass meine Eindrücke vorab insbesondere von Young Galaxy sich scheinbar bestätigt haben, so dass ich auch im Nachhinein nicht besonders traurig bin, die Prioritäten des frühen Abends nicht auf die Musik gesetzt zu haben.
Gegen viertel nach zehn begaben wir uns dann doch in die Halle, um wegen der zu erwartenden Fülle noch einen guten Platz möglichst weit vorne zu ergattern. so konnten wir dann noch das komplette Set des Münchner Quintetts Claire sehen.Der Fünfer stand musikalisch mit seinem Synthie-Pop sicherlich Chvrches am nächsten, wies aber dennoch deutliche Unterschiede auf. Die Stimme der Sängerin ist kräftiger und wirkte unterkühlter und die Musik zudem einfacher und Rhythmus betonter. Der Beat wurde durch einen richtigen Schlagzeuger vorgegeben und variierte nicht besonders, sondern blieb permanent im Midtempo-Bereich. So mussten Spielereien drumherum für Abwechslung sorgen wie z. B. der Einsatz von zusätzlichem Schlagwerk oder kleine Gitarrensprengsel. Dabei zeigten sich bereits erste Schwächen im Sound, denn trotz wilden Einhämmerns auf einem elektronischen Drumpad war davon nichts zu hören, was dafür dann allerdings optisch bizarr wirkte. Da der Soundmann von Claire ein erfahrener Hase war, ich kannte ihn schon von der zweiten Tour der Münchner Band Instrument mit The Unwinding Hours im Oktober 2010, schien das dann ein Hausproblem zu sein.
Nichtsdestotrotz kamen Claire bei der inzwischen vollen Halle gut an und waren sichtlich gerührt, vor allem Sängerin Josie-Claire Bürkle (damit dürfte auch klar sein, woher der Name der Band kommt) bedankte sich überschwänglich. Klang dabei ihre Stimme recht piepsig, so war ihr Gesang dagegen sehr angenehm (im Gegensatz zum Gitarristen, der am seinem Instrument deutlich besser aufgehoben war), nur das Rappen sollte sie vielleicht lassen, denn das Grandmaster Flash-Zitat aus The Message war nicht wirklich gelungen.

Chvrches

Über Chvrches selber habe ich bereits letztes Jahr anlässlich ihres zweiten Live-Auftritts überhaupt im Glasgower Stereo einiges geschrieben. Seitdem hat die Band zwei Singles veröffentlicht (The Mother We Share und Recover, dessen Rest-Exemplare auf Vinyl am Merchstand ruckzuck ausverkauft waren) und hat eifrig Konzerte gespielt, u.a. in England im Vorprogramm von Passion Pit und Two Door Cinema Club, sowie eine eigene UK- und eine erste US-Tour rund um die SXSW-Messe. Auch nach der Introducing-Reihe geht es direkt weiter mit weiteren Reisen nach Amerika und Australien, sowie einigen Konzerten im Vorprogramm von Depeche Mode und einigen europäischen Festivals, ehe im September endlich das lang erwartete Debüt-Album erscheinen wird, mit dem man dann natürlich auf Europa-Tounee gehen wird, was auch sonst.
Iain Cook sagte auch nach dem Konzert, dass er gar nicht mehr wisse, wann er mal längere Zeit am Stück zu Hause war, aber dass dies im Vergleich zu den Aereogramme-Touren doch sehr angenehm sei, weil durch den Erfolg alles bequemer sei. So werde die Band für die US-Tour einen eigenen Tourbus haben und nicht in einem schäbigen Miet-Van reisen müssen.
Zum Intro von 1999 von Prince kam die Band um halb zwölf auf die Bühne und legte nahtlos mit Lies los, dem vor genau einem Jahr veröffentlichten ersten Track, der den ganzen Rummel auslöste und aus dem als Spielerei gedachten Nebenprojekt einen Fulltime Job machte. Als Sängerin Lauren den einjährigen Geburtstag erwähnte, brach das Gebäude 9 auch spontan in ein Geburtstagsständchen aus. Leider zeigte sich der Sound noch mehr als bei Claire nicht gerade in Feierlaune, denn vor allem die Bässe wummerten so laut, dass die Synthie-Melodien davon überlagert wurden und zu dünn klangen. Zudem war das Licht einfallslos und zu spartanisch und durch ständigen Nebeleinsatz blieb der optische Eindruck hinter einem diffusen Schleier verborgen. Außerdem hatte Lauren auf auf Bühnen-Makeup verzichtet und ließ so auch noch die Ästhetik der 80er vermissen, die die musikalischen Zitate an diese Zeit so schön verstärkt. Niedlich hingegen ihre immer noch schüchtern wirkenden Ansagen, z. B. ihr offensichtliches Bemühen, trotz schottischem Akzent verstanden zu werden. So entschuldigte sie sich zwischendurch mal für das Gerede untereinander und sagte dabei "patter", den schottischen Ausdruck dafür, ehe sie sich schnell korrigierte und "banter" sagte.
Keyboarder Martin Doherty hingegen wirkte bei seinen Gesangspassagen wie eine erfahrene Rampensau und erinnerte im Gegensatz zur Bühnenrand-Präsenz als Live-Musiker bei Aereogramme und The Twilight Sad an seine früheren Tage als Sänger bei der Glasgower Band Julia Thirteen, so wie ich ihn im Vorprogramm von Aereogramme im November 2004 kennengelernt hatte.


Ein noch größeres Ärgernis als der dürftige Sound war allerdings wieder einmal das Kölner Szene-Publikum. Neben vielen enthusiastischen Fans gab es leider auch eine Reihe an Menschen, für die das offensichtlich mehr eine lästige Pflichtveranstaltung war, als dass sie aus echtem musikalischen Interesse dort waren. Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären, dass man in der Umbaupause demonstrativ Quartett spielt und einen Großteil des Auftritts mit dem Rücken zur Bühne in der ersten Reihe steht.
Dieser Menschenschlag war aber zum Glück in der Minderheit, der Rest feierte die Band ab, so dass die drei Schotten, nachdem sie mit The Mother We Share ihr Set beendet hatten, doch noch einmal für eine Zugabe zurück auf die Bühne kamen. Hier schloss sich dann der Kreis, denn Prince hatte ihren Auftritt eingeleitet und mit einem Cover von I Would Die 4 U, das sie als I Would Die For V auch bereits für eine BBC Session aufgenommen hatten, wurde er dann beendet.
Insgesamt wirkte der Auftritt für mich nicht so gut wie der letztes Jahr in Glasgow, was ich aber hauptsächlich auf die Begleitumstände zurückführe, denn musikalisch gibts an den Songs von Chvrches nichts zu meckern. Von daher hoffe ich, sie im Herbst auf ihrer eigenen Tour mit besserem Sound und Licht wiederzusehen.

Nomeansno

Nomeansno

09.05.13 Druckluft, Oberhausen

Nur drei Tage nach dem schönen Auftritt von Fang Island war ich schon wieder am Druckluft und erneut bevölkerten Horden den Biergarten, diesmal aber weniger Hipster, dafür meistens Alt-Punks, die mit Nomeansno in die Jahre gekommen waren. Zuvor bei den Konzerten in der Halle, war die Bühne meistens etwas vorgezogen, damit der Raum davor nicht zu groß und trostlos leer wirkte, doch dies war heute nicht nötig.

Nomeansno

Eine Vorgruppe gab es wegen Krankheit nicht und so ging es nach kurzer Aufwärmphase im Backstage-Bereich um zehn vor zehn los. Wie schon im Dezember im Gleis 22 wurde der Remix von The River als Intro verwendet, in den dann die ganze Band einstieg. Aus dem riesigen Back-Katalog wurden wieder handverlesene Perlen gespielt, dabei wirkte die Band frisch und gut gelaunt, womöglich weil es erst das zweite Konzert der Tour war.


Das mag auch der Grund gewesen sein, warum Bassist Rob Wright mal eben den Einsatz zu Graveyard Shift verpatzte. Das blieb aber der einzige Patzer eines gelungenen Auftritts, bei dem die akten Herren auch seit langem mal wieder die Ramones coverten mit I Don't Care. Zwischendurch gab es noch einen kleinen Einblick in die Pläne von Schlagzeuger John Wright. Er wird nach Ende der Tour noch etwas in Deutschland bleiben und seinem Hobby, der Bier-Brauerei, nachgehen. Die regelmäßigen Konzertreisen scheinen auch seine Geographie-Kenntnisse positiv erweitert zu haben, denn er korrigierte seinen Bruder Rob, dass er in Franken und nicht in Bayern sein werde.


Zum Ende des regulären Sets schnallte sich Rob dann ausnahmsweise mal eine Gitarre statt des Basses für Joyful Reunion von 0 + 2 = 1 um. Das sehr gut gefüllte Druckluft wollte mehr und bekam eine dem Durchschnittsalter angemessene Zugabe.Nach dem Klassiker Dark Ages wurden wieder die Ramones gecovert, wobei Gimme Gimme Shock Treatment nahtlos in The End Of All Things überging, dem würdigen ende eine sehr guten Konzerts, deutlich besser als der Auftritt in Münster Ende letzten Jahres.


Beim Verlassen der Bühne nach fast 100 Minuten Spielzeit gab Gitarrist Tom Holliston, dessen Hemd während des Sets seine Farbe von einem normalen Blau in ein verschwitztes schwarz-Blau gewechselt hatte, sein Plektron einem kleinen Jungen, der mit seinen Eltern da war, für den Nachwuchs der Fanschar ist also gesorgt.
Übrigens äußerte sich Tom in seinem Tourblog äußerst lobend über das Druckluft und seinen Sound und das vollkommen zu Recht, ist es doch in den letzten Jahren auch einer meiner liebsten Clubs geworden, sowohl was den Klang als auch das Programm und überhaupt das nette Drumherum betreffen.

Setlist Nomeansno

Setlist:
The River
In Her Eyes
Oh No! Bruno!
Every Day I Start To Ooze
Jubilation
Ghosts
Slave
I Don't Care
One In The Same
The Graveyard Shift
The World Wasn't Built In A Day
Obsessed
The Hawk Killed The Punk
He Learned How To Bleed
The Tower
Joyful Reunion
-------------------------------------
Dark Ages
Gimme Gimme Shock Treatment
The End Of All Things

Rob Wright / Nomeansno

Donnerstag, 9. Mai 2013

Fang Island

Fang Island / No Spill Blood

06.05.13 Druckluft, Oberhausen

Horden von Hipstern bevölkern an einem Montag Abend bei herrlichem Wetter die Tische vor dem Druckluft. Doch zu früh gefreut, die sind wegen der Kurzfilmtage da, um die Ecke vor dem alten Café  saß niemand und drinnen war es auch noch so übersichtlich, dass selbst ein schlechter Schreiner die Besucher an einer Hand abzählen konnte. Dabei hatte ich schon mit etwas mehr Interesse für die New Yorker Band Fang Island gerechnet, schließlich erschien ihr aktuelles Album Major letztes Jahr auf dem Label Sargent House, immerhin die Heimat von And So I Watch You From Afar. Und rein zufällig klingt die Musik von Fang Island Island wie eine Mischung aus ASIWYFA und Parts & Labor, womit sich der Kreis schließt, denn die spielten ja auf ihrer Abschiedstour vor nur einer Handvoll Zuschauern im Druckluft-Café.

No Spill Blood
Doch zunächst kamen No Spill Blood aus Dublin, Bass, Schlagzeug und fieser Sythesizer-Sound, das Ganze zu einem Gemisch aus Atari Teenage Riot und The Jesus Lizard vermengt mit einer gehörigen Prise Hippie-Gewürzen. Und gerade diese Gewürze machten den Eintopf etwas laff, denn manche Lieder waren einfach zu lang, da durfte der Keyboarder noch ellenlang die Töne variieren, ohne allerdings da wirklich dem Song eine individuelle Note zu geben, denn dafür klangen sie zu einförmig, genau genommen gab es nur zwei Stücke, eins ohne und eins mit Gesang. Eine gut klingende Instrumentierung machte also leider noch keine gute Musik.

Fang Island

Ganz anders bei Fang Island, hier war Abwechslung Programm. Postrockige Songs mit der Betonung auf Rock (wie bei ASIWYFA) wechselten sich mit herrlich melodiösen Popsongs ab, und auch der wechselnde Gesang untermalte diesen Variantenreichtum. Das Keyboard klingt auf Major prominenter (daher die Assoziation zu Parts & Labor), live dominieren aber die Gitarren. Und auch der Bass, gespielt vom Schlagzeuger der Vorband, klang besser als bei No Spill Blood, weil er einfach weniger zur Melodieführung beitragen musste, sondern ein reines Rhythmus-Instrument war.


Vor allem das Doppelpack-Finale aus Asunder vom aktuellen Album und Daisy vom Vorgänger Fang Island gefiel den immerhin doch gut 20 Anwesenden.so gut, dass eine Zugabe gefordert und gewährt wurde.
Und hier überraschte die Band mit einem Thin Lizzy-Cover, dem raren Sitamoia.


Die eng am Original gehaltene Version hätte auch als Fang Island-Song durchgehen können, bezeugte damit eher die Zeitlosigkeit von Thin Lizzy als einen etwaigen Retro-Charme bei den New Yorkern. 
So endete nach gut 50 Minuten ein Konzert, das sicherlich mehr Zuschauer verdient gehabt hätte, während vorne im Biergarten immer noch die zahlenmäßig überlegene Kulturschickeria saß und nicht ahnte, was ihnen hinter ihrem Rücken entgangen war.

Montag, 6. Mai 2013

Iron Chic

Iron Chic / Ghost Mice / underparts

04.05.13 Café Lorenz, Münster

Kann man unvergessliche Abende wiederholen? Es war ein sonniger Mai-Abend vor zwei Jahren in Köln,, als Iron Chic das kleine Aetherblissement in einem Schweiß getränkte Sauna der guten Laune verwandelten. Zwei Jahre später haben sie eine neue Single namens Spooky Action veröffentlicht (wie alles von ihnen digital zum Preis deiner Wahl über ihre Bandcamp-Seite zu beziehen) und waren wieder auf Tour.
Sie spielten erneut im Aetherblissement, aber das Konzert war Wochen im voraus bereits ausverkauft und ich war zudem fußballtechnisch verhindert, so dass diesmal die Reise ins Café Lorenz nach Münster führte, übrigens ebenfalls im Vorfeld schon ausverkauft.
Die Sonne lud uns zum Verweilen auf den Holzbänken vor dem Jugendzentrum ein, so dass von den Vorgruppen underparts und Ghost Mice nur kurze Fragmente beim Bier holen vernommen wurden, die uns nicht so recht vor die Bühne locken wollten.

Iron Chic

Um kurz vor halb elf hatten sich dann alle vor der Bühne versammelt und ihre Stimmbänder gut geölt, um von Anfang bis zum Ende alles, aber auch wirklich alles voller Inbrunst mitzusingen. Mit dem Opener Every Town Has An Elm Street gings los und das Energieniveau wurde mühelos hoch gehalten, die einzige Verschnaufpause bot Climate Is What We Expect, Weather Is What We Get.



Immer wieder bildeten sich kleine Menschentrauben um Sänger Jason Lubrano, sobald er etwas zu nahe an Bühnenrand kam, einmal wurde er in den Strudel vor der Bühne hinab gezogen, konnte aber wieder auftauchen.
Auf der Bühne stand ein kleines Mädchen namens Lily mit großem Gehörschutz und schaute sichtbar interessiert dem Treiben zu, keine Ahnung, zu wem sie gehörte, es wurde aber nach dem Konzert noch schnell ein Erinnerungsfoto mit der ganzen Band gemacht.

Iron Chic

Mach gut 35 Minuten war Schluss, doch die Band ließ sich noch zu einer Zugabe überreden und spielte Cry-Baby, ein Lied von ihrem ersten Demo. Die Menge hätte zwar gerne noch mehr gehört, doch es war Schluss, da die Band schon mittags in Trier beim Ex-Fest einen Gig gespielt hatte und direkt danach nach Münster gefahren war, also auch zu Recht vollkommen platt war.


War es also ein ebenso unvergesslicher Abend wie in Köln? Nun, etwas zu meckern findet man immer. Ich hätte gerne Spooky Action At A Distance von der neuen EP gehört, für mich eines der besten Lieder, die sie je geschrieben haben. Aber das war ein Luxusproblem, das auch den anderen großartigen Songs, die auf der Setlist waren, nicht  gerecht würde. Und auch wenn das Café Lorenz nicht diese intime Enge des Aetherblissements hat, war es dennoch wieder ein großartiges Konzert. Dem dürften auch selbst die Handvoll Landeier, die geradezu penetrant eine zweite Zugabe forderten und sich über die ihrer Meinung zu kurze Spielzeit meckerten, zustimmen.


Iron Chic verströmen einfach eine so unglaublich positive Energie und das allein mit ihrer Musik. Die Bühnenpräsenz ist nichts Besonderes und vor allem Sänger Jason wirkt so introvertiert, dass er manchmal auf der Bühne fehl am Platze zu sein scheint. Vor dem Auftritt striff er mehrmals draußen herum , rauchte sich eine Zigarette und wirkte dabei verloren, als ob er nicht wüsste, wo er ist und was er hier macht. aber mit dem Mikrofon am Mund scheint er sein Ausdrucksmittel gefunden zu haben, wird zum Cutesy Monster Man:

I sold my soul
Now I age but don't get old
And to this day it's the best deal I ever made
All the things I could never say
Will come spraying out of my face
Through my broken teeth
The best and worst of me

Iron Chic und Lily

Daher war es wieder ein unvergesslicher Abend, denn diese Band schaffte es wieder einmal mühelos, mit ihrer Musik direkt ins Herz zu treffen, klingt kitschig, ist aber so.

Sonntag, 5. Mai 2013

Uncle M Fest

Uncle M Fest

w/ Nothington / Apologies, I Have None / KMPFSPRT / PJ Bond / Idle Class

02.05.13 Skater's Palace, Münster

Das Münsteraner Plattenlabel Uncle M wollte Geburtstag feiern und fragte dabei anscheinend die Booking-Agentur Uncle M, welche Bands man denn so spielen lassen könnte. Zum einen wurden Knebelverträge mit den hauseigenen Bands genutzt und außerdem kamen KMPFSPRT, die eh jede gerade herumstehende Bühne zum Spielen nutzen, hinzu oder PJ Bond, den man einfach aus dem Backstage-Raum der Nothington-Tour kidnappte.
Um auch zahlreiche Besucher in den Skater's Palace zu locken, wurden noch vegane Cupcakes gebacken, so dass man als stets hungriger Rocker gar nicht nein sagen konnte.

Idle Class

Das Uncle M Fest war so bereits im Vorfeld ausverkauft und das Café des Skater's Palace war bereits zu früher Stunde gut gefüllt, als die Lokalmatadore Idle Class den musikalischen Reigen eröffneten. Allein in den letzten Wochen haben sie schon so ziemlich alles supportet, was Rang und Namen hat, u. a. Polar Bear Club und Samiam, und dürften dabei vielleicht sogar den einen oder anderen Act mit ihrem hymnischen Punkrock an die Wand gespielt haben, denn man merkte ihnen die  Bühnenerfahrung aus anderen Bands wie Goodbye Fairground oder Stand Fast an.

PJ Bond

Danach wurde es kuschelig, denn das Dan Mangan-Double PJ Bond bot Akustisches dar. Von einer dezent eingesetzten elektrischen Gitarre begleitet, glitt das Ganze aber nicht zu sehr in Lagerfeuer-Romantik ab, stattdessen beeindruckte vor allem Bonds kräftige Stimme die Zuhörer.

KMPFSPRT

Danach dann KMPFSPRT aus Köln, hatte ich zuletzt Ende letzten Jahres in Oberhausen gesehen und dort an manchen neuen Songs etwas auszusetzen gehabt. Inzwischen scheinen sie nach eigener Aussage das erste Album im Kasten zu haben und diese Aufnahme-Pause hat ihnen gut getan, denn diesmal gab es nix zu meckern. Die alten Kracher zündeten gewohnt gut, aber die neuen Stücke fügten sich diesmal nahtlos in den Gesamteindruck ein und versprechen viel.


Die Briten von Apologies, I Have None spielen sich hierzulande geradezu den Arsch ab und waren bereits mehrmals mit ihrem Debütalbum London in deutschen Clubs unterwegs, u. a. als Vorgruppe für Make Do And Mend. Dabei haben sie wie fast alle Briten ein sehr gutes Händchen für Mitgröhl-Melodien, auch wenn sie im straighteren Uptempo-Bereich dabei nicht an Landsleute wie die Bangers oder die leider verblichenen Milloy herankommen, dafür aber fast schon Stadion kompatible Hymnen aus dem Ärmel schütteln können.


Geradezu passend dazu sah der Bassist auch aus wie einer der Hooligans aus dem Film The Football Factory, wirkte allerdings wie der Rest der Band sehr entspannt. Pünktlich zur geplanten Anfangszeit 20:45 war das Set fertig aufgebaut, aber mit der lapidaren Ansage, es würde noch ein Viertelstündchen dauern, gingen sie noch ein Bierchen trinken. Als sie danach endlich anfangen wollten, mussten sie noch etwas warten, denn ein Zuschauer hatte mal eben die Bühne erklommen und gab eine kleine Beatbox-Einlage. Lachend machte die Band mit, ehe es danach dann gleich mit Sat In Vicky Park abging. Zum ersten Mal war es rappelvoll vor der Bühne und der Mob sang lautstark mit, ein Zeichen, wie man sich Fans offensichtlich durch regelmäßiges Touren erspielen kann.


Die Energie vor und auf der Bühne schaukelte sich gegenseitig hoch, bis sich irgendwann der Gitarrist kopfüber in die Menge stürzte. Sein Kollege wollte ihm dann zurück auf die Bühne helfen, doch er zog ihn einfach ebenfalls in die Masse.Was als würdiger Abschluss eines tollen Auftritts gedacht war, reichte den Leuten aber nicht, denn sie verlangten noch eine Zugabe, so dass ungeplant einfach noch einmal der Vicky Park besungen wurde. Und danach enterte wieder ein Zuschauer die Bühne, setzte sich im Bayern-Trikot ans Schlagzeug und trommelte etwas vor sich hin, sehr skurril.

Apologies, I Have None

Nach diesem fulminanten Auftritt war ich mir nicht sicher, ob Nothington das toppen könnten. Ich hatte sie das erste Mal im Februar 2010 in Wiesbaden bei ihrem allerersten Auftritt in Europa überhaupt gesehen und seitdem waren sie immer häufiger hierzulande zu Gast und erspielten sich so eine wachsende Fangemeinde und schafften es sogar ins Vorprogramm der gesamten Donots-Tour letztes Jahr.

Nothington

Und so präsentierten sie sich auch als würdiger Headliner, dem sofort alle zu Füßen lagen. In einer knappen Stunde bretterten sie Hits aus allen drei Alben runter, die komplett mitgesungen wurden, von Where I Stand über A Mistake, The Converation Ends bis zu Far To Go und dem Nirvana-Cover Territorial Pissings.


Die Bühne füllte sich mit Bierflaschen, dem Gitarristen wurde während des Spielens Flüssigkeit eingeflößt, es wurde einer feucht-fröhliche Party, bei der eigentlich nur der ansonsten obligatorische Rausschmeißer This Time Last Year fehlte. So jedenfalls feiert man würdig eine rauschende Party und ich kann nur hoffe, dass es den Organisatoren so viel Spaß wie den Zuschauern gemacht hat und sie das Ganze wiederholen, denn schließlich hat man ja jedes Jahr Geburtstag.


Montag, 29. April 2013

Small Beast w/ Manorexia

Small Beast

w/ Manorexia / Paul Wallfisch

26.04.13 Schauspielhaus, Dortmund

Der letzte Freitag im Monat, d. h. Zeit fürs Small Beast. Und diesmal war Gastgeber Paul Wallfisch ein besonderer Coup gelungen, konnte er doch das allererste Deutschland-Konzert von Manorexia präsentieren, einem der zahlreichen Projekte von Industrial-Legende J. G. Thirlwell aka Foetus. Und weil der Maestro mit einem Streichquartett anreiste, fand der natürlich ausverkaufte Auftritt nicht im beengten Institut, sondern wieder eine Etage höher im Studio statt.


Doch zunächst war etwas Geduld angesagt, denn das Ensemble hatte zehn Stunden Fahrt von Kopenhagen nach Dortmund hinter sich und daher verzögerte sich der Einlass etwas, ehe Paul Wallfisch dann wie gewohnt am Klavier das Vorspiel bestritt.
Er kündigte sein Programm als The Best Of Theater Dortmund On Tour an, da er die meisten Songs bereits die Woche zuvor im Vorprogramm von John Parish (u. a. Produzent für PJ Harvey) gespielt hatte.  Und daher bestand das Set aus Liedern aus Der Meister und Margarita, Small Beast-Klassikern wie Coincidence und ausgewählten Cover-Versionen von Jacques Brel (Next, an Alex Harveys Version angelehnt) bis The Kinks.


Dabei wirkte Wallfisch weniger redselig als sonst, sang dafür umso noch inbrünstiger. Und schlug auch einen Bogen zum nachfolgenden Ereignis, indem er zwei instrumentale, geradezu experimentelle Stücke spielte, einmal vom typischen Klang einer New Yorker U-Bahn-Linie inspiriert, sowie etwas Glenn Gould. Zum Schluss setzte er sich dann noch für ein Stück eine Maske auf, schließlich war man ja im Theater.

Paul Wallfisch

In der obligatorischen Pause lief Mr. Bungle vom Band, die perfekte Überleitung zu der Musik von Manorexia, die streckenweise wie ein Soundtrack klingt, bei dem man geradezu auf den abstrakten Gesang Mike Pattons wartet.
Manorexia traten als Septett auf: ein Pianist, ein Percussionist, vier Streicherinnen und J. G. Thirlwell als Impresario am Laptop. Dabei war es geradezu skurril, dass man auf dem Weg zurück aus der Pause ins Studio im engen Gang sich an den Geigerinnen vorbeiquetschen musste, die sich dort einspielten.

Manorexia

Dabei klang der Einstieg in das einstündige Set so, als ob sie dies umsonst getan hätten. Mit bewusst schrägen Streichpassagen ging es los, alle MusikerInnen spielten dabei vom Blatt, was insbesondere beim Schlagwerker spektakulär aussah, denn er hatte im wahrsten Sinne des Wortes oft alle Hände voll zu tun, wirbelte zwischen den unterschiedlichsten Instrumenten hin und her und hatte dabei nicht selten einen dritten Drumstick zwischen den Zähnen. doch sorgte gerade seine Rhythmus-Arbeit für eine Auflockerung der sonst durchaus anstrengenden Töne. Und wenn es auch für einige Besucher wohl dennoch zu harter Tobak zu vorgerückter Stunde nach Mitternacht war und sie während des Sets bereits den Saal verließen, blieb der Großteil doch gebannt sitzen und wartete gespannt, bis auch wirklich der letzte Ton verklungen war und z. B. der Geigenbogen entspannt zur Seite gelegt wurde, ehe lauter Applaus aufbrandete.


Nach einer Stunde erhoben sich die Musiker und Thirlwell trat nach vorne, um in bester Leonard-Bernstein-Pose die Ovationen entgegen zu nehmen, das Ende eines beeindruckenden Auftritts, der auch ohne Zugabe im Gedächtnis haften blieb.

Manorexia

Paul Wallfisch ließ übrigens während seines Sets durchblicken, dass er bereits an Musik für die kommende Spielzeit arbeite, was hoffentlich auch bedeutet, dass das Small Beast über diese Spielzeit hinaus, die übrigens Ende Mai mit dem Auftritt von And The Wiremen (u. a. mit Mitgliedern von Sparklehorse und Pere Ubu) enden wird, ein fester Bestandteil am Dortmunder Schauspielhaus bleiben wird.

Sonntag, 28. April 2013

Paws

Paws / This April Scenery

22.04.13 Zakk, Düsseldorf

Erinnert sich jemand an die Band Cable? Ihr grandioses Debütalbum Down-Lift The Up-Trodden lebte von dem treibenden Schlagzeugspiel Neil Coopers (jetzt bei Therapy?) und kam mir wieder bei manchen Stücken auf Cokefloat, der aktuellen CD der Glasgower Band Paws, in den Sinn. Bevor das Album erschien, waren die drei Schotten letztes Jahr im September im Vorprogramm der Japandroids zum ersten Mal in Deutschland unterwegs gewesen und hatten mich überzeugt, vor allem durch ihr Tier am Schlagzeug. Nun waren sie das erste Mal als Headliner unterwegs und spielten im kleinen Club des Zakk.

Preisliste Paws (kein politisches Statement, sondern ein Versehen)

Scheinbar rechnete man nicht mit sehr vielen Besuchern, denn nicht einmal die Theke war besetzt und so musste man sich für Getränke auf den Weg durch die leere, große Halle in die Kneipe machen. So hatte man allerdings eine gute Ausrede, nicht zu viel vom Set der Düsseldorfer Vorgruppe This April Scenery mitzubekommen. Deren klassischer Emo-Rock mit rhythmischen Bloc Party-Bröckchen klang nicht schlecht, allerdings passte die Stimme des Sängers für meinen Geschmack nicht so recht da rein und hatte einen auf Dauer nervenden Klang.


Da gefiel der leicht scheppernde Sound der Paws deutlich besser, auch wenn sie auf dem Album im Vergleich zu den EPs davor deutlich ruhiger, Sixties-poppiger klingen. Doch das wurde durch den rauen Live-Auftritt wett gemacht, denn da schimmerten immer wieder die punkigen Wurzeln durch. Und vor allem dem Drummer war eine Schau für sich, denn er spielte mit vollem Körpereinsatz, schien immer wieder von seinem Hocker abzuheben, um mit voller Wucht auf die Felle einzudreschen. Kein Wunder, dass vor der Bassdrum ein dicker Backstein lag, sonst hätte er sein Instrument wohl quer durch den Raum geprügelt.

Paws

Das nicht besonders volle Zakk brauchte auch etwas um aufzutauen, bekam aber gerade noch rechtzeitig zur Zugabe noch einen kleinen Moshpit hin, was dann die Schotten sogar dazu bewegte, sogar noch ein zweites Mal auf die Bühne zurückzukehren, ehe dann nach einer guten Stunde endgültig Schluss war.
Cable kamen übrigens mit ihren späteren Alben nie wieder an ihren Erstling heran, auch weil Neil Cooper da schon nicht mehr in der Band war. Paws sollten ihren Schlagzeuger daher unbedingt behalten.


Sonntag, 21. April 2013

Amplifier

Amplifier / Charlie Barnes

20.04.13 Kleine Freiheit, Osnabrück

Manchmal muss man die Deutsche Bahn loben. In diesem Fall ist sie dafür verantwortlich, dass meine Freundin und ich ein hervorragendes Konzert in Osnabrück (übrigens mein erstes überhaupt) gesehen haben. Als BahnCard-Inhaber erhielten wir ein Freifahrt-Angebot, das aber noch im April einzulösen war. Also mal schnell so geschaut, wann welche interessanten Bands so in der weiteren Umgebung spielen und für den Auftritt von Amplifier in der Kleinen Freiheit entschieden.

Amplifier

Auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs und damit in unmittelbarer Nähe des Osnabrücker Hauptbahnhofs gelegen, präsentierte sich die Kleine Freiheit als netter kleiner Club (vielleicht etwas größer als das Gleis 22 in Münster) mit Strandbar vor der Tür. Pünktlich um 21 Uhr eröffnete Charlie Barnes den Abend. Das Projekt um den gleichnamigen Keyboarder aus Leeds überzeugte mit elektronisch angereichertem Kammer-Indie-Pop, etwas weniger poppig als z. B. Perfume Genius und getragen von Barnes markant melancholischer Stimme, die mich an eaststrikewest und auch manchmal an Thom Yorke erinnerte. Auf Albumlänge wirkt es manchmal etwas anstrengend, aber die halbe Stunde live verging sehr schnell. Zum Reinhören sei die Bandcamp-Seite empfohlen.


Amplifier habe ich das erste Mal im Dezember 2003 in Northampton im Vorprogramm von Therapy? gesehen und sie gefielen mir mit ihrem schweren Prog-Rock ziemlich gut. Im Jahr drauf hatten sie ihr erstes Album veröffentlicht und durften erneut Therapy? auf ihrer Europa-Tournee begleiten, weshalb ich sie mehrmals sehen konnte. Danach verlor ich sie fast vollständig aus den Augen, bis Anfang 2011 ihr drittes Album The Octopus erschien. Mir sagte es nicht so zu (zu lang für meinen Geschmack), aber meine bessere Hälfte sah sie zweimal damit auf Tour und war sehr angetan. Im März kam der vierte Longplayer Echo Street raus und konnte mich wiederum nicht völlig überzeugen. Erstmals mit neuem Bassisten eingespielt, fehlt es dem Album etwas an Druck, klingt geradezu weich.
Dieser Eindruck wurde aber live komplett weggewischt. Ein Konzert mit dem letzten Song des neuen Albums zu beginnen ist sicherlich ungewöhnlich, ging aber nicht in die Hose. Als weiteres Plus für den Rest des Konzerts erwies sich der Sound in der Kleinen Freiheit. Schien er bei Charlie Barnes noch an manchen Stellen zu laut und der Gesang leicht übersteuert, passte bei Amplifier alles. Es war angenehm laut, aber dennoch waren die einzelnen Instrumente klar und deutlich zu hören. Zudem hatte sich das Quartett Barnes als Keyboarder und dritten Gitarristen mit auf die Bühne geholt (bei den letzten beiden Alben hatte er bereits Piano gespielt), um noch fetter zu klingen, was vor allem den neuen Stücken sehr gut tat.


Die Band zeigte sich gut gekleidet (schwarze Hosen und Hemden und dazu stylische schwarze Krawatten mit dem Bandlogo) und zudem gut gelaunt, schien sogar vom Publikumszuspruch positiv überrascht zu sein, denn obwohl der Club höchstens zu zwei Dritteln gefüllt war, seien es doch deutlich mehr Zuschauer gewesen als bei ihrem letzten Auftritt in Osnabrück. Man scherzte, der Gitarrist spielte bei einem "Slayer!"-Zwischenruf mal kurz das Intro von Raining Blood zur allgemeinen Erheiterung an und auch den Kampf gegen den immer wieder auf die Bühne geblasenen Nebel nahmen sie mit Humor.
Die Songauswahl verteilte sich fast gleichmäßig auf drei der vier Alben, nur das Zweitwerk Insider wurde komplett ausgelassen, wobei alles wie aus einem Guss wirkte. Den Leuten gefiel es offensichtlich auch sehr gut und die laut Setlist eh eingeplante Zugabe wurde auch lautstark eingefordert. Kurz nach Mitternacht und damit nach über zweieinviertel Stunden Spielzeit verklangen dann die letzten Takte von Airborne und ließen so gerade noch Zeit für das Bierchen und die Zigarette danach, ehe der Zug zurück ins Ruhrgebiet kam.

Setlist Amplifier

Die Reise hat sich vollends gelohnt, sowohl was den mehr als überzeugenden Auftritt von Amplifier als auch die Entdeckung der Kleinen Freiheit als sehr nette Location betraf.

Setlist:
Mary Rose
The Wave
Interglacial Spell
The Wheel
Extra Vehicular
Motorhead
Interstellar
UFOs
Fall Of The Empire
Panzer
Where The River Goes
Neon
Close
-------------------------
Matmos
Airborne

Montag, 15. April 2013

Casanovas Schwule Seite

Casanovas Schwule Seite / Frau Mansmann

13.04.13 Djäzz, Duisburg

Es war Samstag Abend, kurz nach acht und noch hatte die Dämmerung nicht die kleine Seitenstraße in der Duisburger Innenstadt erfasst. Dennoch herrschte hier ein Betrieb wie auf dem Friedhof von Oer-Erkenschwicker. Da ertönte dumpfes Trommeln aus einem kleinen Kellerloch und urplötzlich erschienen aus allen Ecken merkwürdige Gestalten, die magisch von diesem Weckruf angezogen wurden...

Da aber im Djäzz noch kein Einlass war wegen des Soundchecks, bemühte sich ein freundlicher Herr, die ankommenden Punks zum Lustwandeln in Duisburgs Parkanlagen zu bewegen, um das Klirren von Bierflaschen und laute Gespräche zu verhindern, denn der Kellerclub hat immer wieder mit Beschwerden durch Anwohner zu kämpfen.


Kurz darauf öffneten sich aber die Tore in die Unterwelt und gewährten den begehrten Einlass. Der Soundcheck war noch im vollen Gange, aber zumindest so weit abgeschlossen, dass nicht unnötiger Lärm nach draußen dringen konnte. Dabei erwies sich der Mensch am Mischpult als typischer Parade-Ruhrpottler. Als die Schlagzeugerin von Frau Mansmann mehr Gesang auf ihrem Monitor haben wollte, fragte er trocken zurück: "Willst du das wirklich?"
Frau Mansmann sind ein Quartett aus Berlin, das letztes Jahr sein erstes Album mit dem prosaischen und zugleich gesellschaftskritischem Titel Bio-Bananen sind von glücklichen Affen veröffentlicht hat. Auch musikalisch gibt es unbehandelte Rohkost frei von Geschmacksverstärkern.

Frau Mansmann

Dabei sah das junge Gemüse auf der Bühne durchaus appetitlich genug für erotische Hochglanz-Magazine wie die Super-Illu aus. Der Sänger schälte sich nämlich aus seiner Hose und seinem Shirt und entblößte einen muskulösen Körper, nur noch durch ein Nichts aus feinstem Netz-Polyester verhüllt. Na ja, fast nichts, denn der Feigling trug darunter noch einen roten Tanga, vermutlich damit sein Gemächt nicht Ohnmachtsanfälle unter den sabbernden Mädchen in den vorderen Reihen auslöste. Laut ihrer Homepage hatte die Band bislang nur einmal im Ruhrgebiet gespielt, nämlich 2006 in Dortmund. Eigentlich eine Schande, denn die Hochburg der Ballonseide benötigt so dringend modische Nachhilfe aus der Bundeshauptstadt. Jedenfalls war der Auftritt optisch deutlich ansprechender als musikalisch, denn der rumpelnde Deutschpunk löste nicht gerade Jubelstürme aus und der Klaps auf die nackten Backen des Sängers war fast lauter als der Applaus, den sie durchweg erhielten, von ihrem Gassenhauer Prostituiertenpunk mal abgesehen.


Danach folgte dann das literarische Quartett aus Köln, Casanovas Schwule Seite. In gut 13 Jahren Bandgeschichte haben sie es immerhin geschafft, 2002 ein Album und schon dieses Jahr eine Single rauszubringen, ein Veröffentlichungswahn, den man sich von Scooter wünschen würde. Das Rock'nRoll Imperium schlägt zurück hat absoluten Kultstatus erlangt und das auch völlig zu Recht, denn solch fetten Punkrock'n'Roll haben nicht einmal Gluecifer zu ihren besten Zeiten hinbekommen, von der lyrischen Tiefe der Texte ganz zu schweigen. Daher war es auch nicht verwunderlich, das das kleine Djäzz bereits im Vorfeld ausverkauft war und sich nach der entspannten Blumenwiesen-Atmosphäre bei Frau Mansmann nun der Geruch von Schweiß und Pils über die prall gefüllte Tanzfläche legte.

Casanovas Schwule Seite

Bei der Auswahl der Songs hatten es sich Casanovas Schwule Seite sehr einfach gemacht. Sie spielten einfach alles, sämtliche Stücke der CD und Single. Das sollen ihnen AC/DC mal nachmachen. Das Publikum zeigte sich textsicher und hätte Jürgen Trittin gehört, wie bei Mein Kühlschrank das ganze Djäzz laut "FCKW!" brüllte, er hätte eine Träne der Rührung nicht verbergen können.
In der Kommunikation mit dem Publikum wurden auch (eventuell ungewollt) heiße Eisen der Lokalpolitik nicht ausgespart. So wurde nach dem Legoland Duisburg gefragt, das aber im Dezember bereits seine Pforten schloss, um in den Vorort Oberhausen umzusiedeln. Doch da es noch kein Lego-Pils gibt, war das den anwesenden Punks egal, denn der Samstagabend ist traditionell die Zeit des Schunkelns und guten Laune. Und auch der Musikantenstadl im Kellergewölbe war da keine Ausnahme und sogrinste auch Schlagzeuger Caddy ständig durch die Gegend wie ein Farin Urlaub-Double, während sich Chefdenker Claus hingegen eindrucksvoll in der Mimik des jungen Gunter Gabriel übte. Die Beweisfotos dieser Thesen entnehme der Interessierte bitte der Galerie.


Das Höllenfeuerlicht wurde nach gut 50 Minuten ausgeblasen und mangels Material gab es auch keine Zugabe. Stattdessen erwartete einen vor der Tür inzwischen die dunkle Nacht und der freundliche Herr patrouillierte immer noch vor dem Djäzz auf und ab, um die Ruhe der Nachbarn zu sichern. Das schien ihm auch gelungen zu sein, denn am Bahnhof blieb das Sondereinsatzkommando der Polizei im Regionalexpress nach Dortmund, wo das raue Leben noch pulsierte und mehr für die Hüter der Ordnung zu tun war als in der beschaulichen Industrieruine Duisburg. Der offizielle Grund für das Aufgebot waren angeblich Fußballfans von Preußen Münster auf der Heimreise, dabei hat doch jeder aus zahllosen Western gelernt, dass Rinderherden von Cowboys bewacht werden und nicht von der Polizei.

Setlist Casanovas Schwule Seite

Es gibt Legenden, die man mal live gesehen haben muss und wenn man bedenkt, dass ich die Rolling Stones erst 28 Jahre nach ihrer Gründung live gesehen habe, so war das Coming Out an Casanovas schwuler Seite geradezu zügig und ein Genuss, den ich im Gegensatz zum Auftritt von Mick Jagger und Co. 1990 im Müngersdorfer Stadion (übrigens mit einer inzwischen zur Qual gewordenen Düsseldorfer Stimmungskapelle im Vorprogramm) ohne Reue noch meinen Pflegern im Altersheim erzählen werde.

Setlist:
Ich will dich ficken
Der Mann mit dem goldenen Knie
Radiomoderator halt die Fresse!
Expo 2000
Stille Post
Mein Kühlschrank
Gestern Nacht
Wenn du willst
Ich liebe dich für immer
Rock'n'Roll Bausparvertrag
Das Spiel ist aus
Der Kinn-Nasen-Professor
Was du sagst ist was du wählst
Weisheit mit Messer und Gabel
In Grafenwöhr
Überall Krieg
1980
Du & Ich
Gewalt ist eine Lösung
Höllenfeuerlicht