Mittwoch, 31. Dezember 2014

Best Of 2014


Und wieder einmal Zeit für die Jahreslisten. Wobei Zeit ein ganz kritischer Faktor im Jahr 2014 war. Nach dem Motto "Je oller, je doller" war ich im abgelaufenen Jahr auf 87 Konzerten, so vielen wie noch nie zuvor. Die Fülle hat sich einfach so ergeben, ohne hier nach Rekorden streben zu wollen. Der Hauptgrund dürfte vor der Haustür liegen, denn allein 35 Konzerte habe ich in Dortmund gesehen, ein Beleg dafür, dass in der Stadt mehr los ist als in den Jahren zuvor.
In Folge dieser Veranstaltungsflut kam ich ab August mit dem Schreiben der Berichte nicht mehr nach (ich höre aus dem Off "Fauler Sack!"-Rufe und kann nicht widersprechen), doch die werden alle nachgeholt, versprochen.

Highlights gab es natürlich viele, so dass es mir schwer fällt, ein oder zwei Konzerte besonders hervorzuheben. Am meisten beeindruckt haben mich 2014 die Auftritte der Swans, Grant Hart, Augustines und Jack White (der eigentlich nur ein Nebenprodukt einer Reise nach London zu Monty Python in der o2 Arena war), ohne jedoch wirklich eine Reihenfolge der Top Ten damit vorgeben zu wollen.

London - The o2

Beste Konzerte





  • Swans / Pharmakon (Hannover - Pavillon)

  • 150 Minuten lang wurde das Publikum mit über 100 Dezibel an die Wand gepresst, nachdem es bereits zuvor von Pharmakon bearbeitet worden war.


  • Grant Hart w/ Stargaze / The Dodos w/ Stargaze (Berlin - Heimathafen Neukölln)

  • Zuerst verschönerte das Berliner Kollektiv Stargaze die Songs der Dodos, danach ließ es mit Grant Hart die Songs seiner Platte The Argument so gut klingen, wie er selber im Studio nicht geschafft hat.


  • Augustines (Düsseldorf - Zakk)

  • Der Konzertabend mit der vielleicht positivsten Energie in diesem Jahr.


  • Jack White (London - Eventim Apollo)

  • Ein zweistündiges Feuerwerk an Hits aus all seinen Schaffensphasen, von The White Stripes über Raconteurs, The Dead Weather und seinen Soloalben.


  • Gallon Drunk (Münster - Gleis 22)

  • Epischer R.O.C.K.


  • Son Lux (Dortmund - FZW)

  • Traumhafte elektronische Klänge, die live als Rock-Trio umgesetzt wurden und dabei nichts von ihrer Schönheit verloren.


  • Thurston Moore (Bielefeld - Forum)

  • Thurston Moore klang wieder wie Sonic Youth.


  • Thalia Zedek (Dortmund - Schauspielhaus)

  • Die alte Dame mit der rauen, aber zerbrechlichen Stimme sorgte für den schönsten Abend bei den Small Beasts in diesem Jahr.


  • Vin Blanc/White Wine (Dortmund - Sissikingkong)

  • Es gibt Menschen mit einer unglaublichen Bühnenpräsenz, Joe Haege von Tu Fawning / 31 Knots gehört dazu, was er auch mit seinem vom Solo- zum Duoprojekt gewachsenen Vin Blanc unter Beweis stellte.


  • Dÿse (Hamburg - Hafenklang)

  • So wie in Hamburg sollten alle Dÿse-Konzerte sein, ein voller Laden rastet zum Noiserock des Duos komplett aus.

    Nur zehn Konzerte aus 87 besuchten auszuwählen bedeutet, tolle Abende unter ferner liefen einzuordnen, die dennoch herausragend waren. In diese Kategoerie fielen 2014 z. B. die Auftritte von Sleaford Mods (Duisburg - Djäzz), Allo Darlin' (Köln - Die Hängenden Gärten von Ehrenfeld), The Burning Hell (Düsseldorf - Kassette), Bob Mould (Köln - Gebäude 9), Turbostaat (Hamburg - Knust), Mono (Köln - Gebäude 9), The Pack AD (Köln - MTC), Marcus Wiebusch (Köln - Gloria), aniYo kore (Dortmund - Sommer am U), Die Nerven (Bochum - Die Trompete) oder Kreidler (Dortmund - Museum am Ostwall).

    Beste Alben



    Auch bei den Alben des Jahres war es sehr schwierig, die Auswahl einzugrenzen und auch hier ist die Reihenfolge nur bedingt als Wertung zu verstehen.



  • Ben Frost - Aurora

  • Es war für mich ein Jahr, in dem ich die Schönheit von strukturiertem, instrumentalem Lärm mal wieder schätzen gelernt habe und dieses Album stand da dann doch ein klein wenig über den anderen.

    • Allo Darlin' - We Come From The Same Place

    • Zumeist sonniger Gitarrenpop, der mich immer wieder an die Songs von Grant McLennan bei den Go-Betweens erinnerte..


    • Broken Records - Weights & Pulleys

    • Für mich dieses Jahr das beste aus Schottland, schlug die neuen Alben von The Twilight Sad, We Were Promised Jetpacks oder The Phantom Band um Längen..


    • bvdub - Tanto

    • Der in China lebende Amerikaner Brock Van Wey veröffentlicht Dub/Ambient-Alben am Fließband, ca. 25 in den letzten fünf Jahren, dieses Jahr vier. Dabei war Tanto sein vielleicht rhythmischstes und songorientiertestes und daher in meinen Top Ten.


    • Fugazi - First Demo

    • Eigentlich kein neues Album, sondern die Veröffentlichung der ersten Demos von 1988, eingespielt nach nur zehn Shows. Dennoch hat es mehr Energie und Klasse als fast alles, was sonst dieses Jahr im Bereich Hardcore veröffentlicht wurde.


    • Manchester Orchestra - Cope / Hope

    • Zuerst rockten Manchester Orchestra so fett wie zu Zeiten von Mean Everything To Nothing, dann veröffentlichten sie die Songs von Cope noch einmal in ruhigen Versionen unter dem Titel Hope und beides klingt wunderschön.


    • Dÿse - Das Nation

    • Ihr vielleicht straightestes Album, eine Dampfwalze der guten Laune.


    • Cheap Girls - Famous Graves

    • Eine weitere Sammlung an stoischen, fast schon phlegmatischen Hits.


    • Sisterkingkong - Daily Grind

    • Altmodischer, feiner Indie-Gitarrenrock, wie es Ende der 80er nur in Ostwestfalen gab und der heutzutage so scheinbar nur noch in Dortmund zelebriert wird.


    • Daily Thompson - Daily Thompson

    • In Dortmund scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, denn auch dies ist altmodische Musik, früher nannte man das Grunge.

      Zum Rest of the Best gehören u. a. Gallon Drunk - The Soul Of The Hour, Landlady - Upright Behavior, The Holy Mess - Comfort In The Discord, Sleaford Mods - Divide & Exit, Die Nerven - Fun, Honig - It's Not A Hummingbird, It's Your Father's Ghost, Thurston Moore - The Best Day, Weezer - Everything Will Be Alright In The End, Marcus Wiebusch - Konfetti, The Pack AD - Do Not Engage, Jack White - Lazaretto, Scott Walker + SunnO))) - Soused, Sylvan Esso - Sylvan Esso, FKA Twigs - LP 1, Mono - The Last Dawn / Rays Of Darkness.

      Besondere Erwähnung soll aber auch noch U2 - Songs Of Innocence finden, denn geschenkt ist noch zu teuer und das Album zu löschen hat deutlich mehr Spaß gemacht, als vorher es anzuhören.

      Beste Songs  





    • Moonface - The Fog

    • Wäre City Wrecker nicht nur eine EP, sie gehörte definitiv in die Top Ten der Alben des Jahres

      • tUnE-yArDs - Water Fountain

      • Groovy


      • Jack White - High Ball Stepper

      • Das beste Instrumental des Jahres


      • Marcus Wiebusch - Der Tag wird kommen

      • Zwar nicht der beste, aber der vielleicht wichtigste Song des Jahres


      • Son Lux & Lorde - Easy (Swich Screens)

      • Ein musikalisches Traumpaar


      • Dÿse - Nackenöffner

      • Der Titel ist Programm


      • The Holy Mess - The Weight

      • Eines der wenigen Highlights in einem eher ruhigen Jahr für Amipunkbands


      • RVIVR - 20 Below

      • Eines der wenigen Highlights....


      • Johnny Foreigner - Stop Talking About Ghosts

      • Eines der wenigen Highlights...ach, das sind ja Engländer, egal


      • Get Well Soon - Staying Home

      • Dieses ellenlange Outro von Derek & The Dominos' Layla....

        Mal schauen, was 2015 so bringt. Man sieht sich irgendwo am Bühnenrand.

        Montag, 18. August 2014

        Tigeryouth

        Tigeryouth

        17.08.14 Subrosa, Dortmund

        Schon wieder ein Mann und seine Gitarre und schon wieder im Subrosa., gut eine Woche nach Jeff Beadle nun also Tigeryouth. Tigeryouth alias Tilmann ist aber im Gegensatz zu Jeff Beadle bereits zum dritten Mal in der Dortmunder Nordstadt zu Gast und diesmal als Hauptact (zur Sicherheit gab es auch keine Vorgruppe, damit er wirklich der Star des Abends war). Er mag das Subrosa und das Subrosa ihn offensichtlich auch, denn eigentlich hat die Kneipe Sonntags zu, aber für ihn wurde eine Ausnahme gemacht.

        Tigeryouth

        "Aber heute kriegt mich nichts und niemand aus dem Haus" sang er in Disko und während diejenigen, die sich daran gehalten haben, die Tagesschau einschalteten, betrat Tilmann die Bühne und rotzte seine Lieder raus. Auf seiner Bandcamp-Seite nennt sich das Akustik-Punk und das passt wie die Faust aufs Auge. Keine Songs über drei Minuten, klangen sie wie akustische Versionen von Captain Planet oder auch den Get Up Kids, die Texte drehen sich oft um die Selbstfindung in einer Welt, in der er sich nicht direkt fehl am Platz, aber doch zumindest jenseits der Masse zu sehen scheint: "Du bist zu zehn Prozent du selbst und zu neunzig Prozent wie der Rest der Welt. [...] Das bist du. Das bin ich nicht." (aus Feierabendbier)
        Das Ganze wurde rausgebrüllt, dazu hibbelte er so sehr rum, wie es am Mikro stehend überhaupt ging. Kein Wunder, dass er nach den Liedern außer Atem ist und das Nachstimmen der Gitarre als willkommene Erholungspause nutzte.


        Die kraftvolle Präsentation und sein sympathisches Auftreten verhinderten, dass auch nur im Ansatz peinliche Momente entstanden, Punk ist halt in der Regel nicht sentimental. Nach potentiellen Hits wie Vor Berlin, Alles geht kaputt oder Streichholz verabschiedete sich Tigeryouth von den Anwesenden (er selber hatte mit fünf gerechnet, es wurden aber zu seiner Freude doch 15-20), die ihn aber noch zu einer Zugabe animieren konnten. Dafür verließ er dann die Bühne und spielte Robots zwischen Theke und Klo (aka die Tanzfläche im Subrosa) und zog dann nach gut 45 Minuten endgültig den Stecker raus.

        Tigeryouth

        Der Mann machte einfach Spaß und was im intimen Rahmen funktionierte, wird bestimmt auch am Dienstag im FZW gut ankommen, wenn er sein nächstes Konzert in Dortmund spielt, diesmal im Vorprogramm von East Cameron Folkcore. Ich werde jedenfalls da sein.

        Mittwoch, 13. August 2014

        Jeff Beadle

        Jeff Beadle

        08.08.14 Subrosa, Dortmund

        Oh, ein weiterer Mann und seine Gitarre, lohnt sich das wirklich? Dafür sprach natürlich das nette Subrosa und die Empfehlung, dass Beadle am Abend zuvor auf dem Haldern Festival gespielt hatte. Also ab in die Dortmunder Nordstadt, wo man vor dem Subrosa auch schon mal aus einem vorbeifahrenden Auto Goldkettchen zum Kauf angeboten bekommt.

        Jeff Beadle

        Nachdem der Laden um kurz nach acht noch recht übersichtlich besucht war, war es um neun, als Beadle die Bühne betrat, ansehnlich voll. Jeff ist zwar Kanadier, doch seine Musik ist deutlich im amerikanischen Folk und Country verwurzelt, hat mit seinen Landsleuten von z. B. Evening Hymns oder den Solo-Auftritten eines Jason Collett nicht viel gemein. Das war auf den ersten Blick zwar schade, bin ich doch kein wirklicher Freund der "neuen" Americana-Welle mit Leuten wie Chuck Ragan oder Dave Hause (weil ich dafür ihre Punk-Wurzeln in ihren Bands zu sehr mag), aber der Abend war dennoch höchst kurzweilig und unterhaltsam. Jeff Beadle kam einfach zu sympathisch rüber und konnte mit seiner leicht angerauten Stimme überzeugen, die den nötigen Biss hatte, ohne aber zu Whiskey geschwängert zu klingen.

        Jeff Beadle w/ Frank Gairdner

        Bei zwei Songs wurde er an der Mundharmonika unterstützt, wobei einer davon zu meinen persönlichen Highlights des Abend zählte, nutzte Beadle den Rhythmus zu einem ausgedehnten Jam, der den Folk-Pfad verließ und dennoch kein langweiliges Geklampfe bot. Die anderen Highlights waren zwei Coverversionen. Nothing Ever Happens, im Original von den Schotten von Del Amitri aus dem Jahre 1989 eher eine peinliche Mitsingnummer, wurde ihm von seiner deutschen Plattenfirma empfohlen und war ihm bis dahin unbekannt.


        Der Song gewann in Beadles Interpretation deutlich, gerade wenn man wie ich noch das Original und vor allem damals auch das zugehörige Video kannte, einer unglaublich aufgesetzten Performance. Da gerade erst sein erstes Album The Huntings End auf dem Köln-Halderner Label Butterfly Collectors erschienen ist, war nach einer knappen Stunde bereits Schluss. Eine Zugabe wurde erklatscht, danach zog Beadle den Stecker aus seinem Pedal. doch die Anwesenden waren so begeistert, dass er sogar einen weiteren Nachschlag gewährte, das zweite Cover des Abends.
        Diesmal spielte er einen Song vom ersten Album des amerikanischen Grammy-Gewinners Ray LaMontagne. Das wunderschöne Jolene wurde auch schon von Justin Bieber live vergewaltigt, während Beadle hingegen die Melancholie des Stückes sehr treffend einfing und so einen herausragenden Abschluss seines schönen Auftritts bot.


        Ja, es hat sich gelohnt, einen weiteren Mann und seine Gitarre live zu erleben.

        Sonntag, 20. Juli 2014

        ChefBambixdenker / Betrunken im Klappstuhl

        Chefdenker / Bambix / Betrunken im Klappstuhl

        19.07.14 Rekorder, Dortmund

        35 Grad im Schatten, da ist man doch froh, wenn man sich in einen kühlen Kellerraum zurückziehen kann. Der Keller gehörte zum Rekorder, gegenüber vom Subrosa und der einzige Nachteil war, dass ich nicht alleine mit den zwei Ventilatoren in dem Raum war. Es hatte sich auch noch das kölsch-holländische Doppelpack der guten Laune, Chefdenker und Bambix, angekündigt, die sich den Schlagzeuger teilen und daher an diesem Abend auch die Bühne.
        Wenn also schon Chefdenker im Hause waren, musste das Vorprogramm natürlich ebenfalls eine besondere intellektuelle Herausforderung darstellen. Und so hatte man die Stammtischphilosophen der Privatuni Castrop-Rauxel von Betrunken im Klappstuhl gebeten, eine kurze Vorlesung über den Zustand der Welt zu halten.

        Betrunken im Klappstuhl

        Zu sechst aber ohne Klappstuhl standen sie dann um kurz nach neun auf der kleinen Bühne und reckten in bester Klassenkampf-Pose die Fäuste zu Europes The Final Countdoen in die Luft. Die sechs Seiten eines Würfels als Kontraposition zu Einsteins These, dass Gott nicht würfelt, bereit für den Kampf gegen den Niedergang der Gesellschaft, wie wir sie kennen, der letzte Countdown, das Armageddon, die Apokalypse. Auch im ersten Lied Lili zeigten die Stuhlis, wie sie liebevoll von niemandem genannt werden, dass sie mitten im Leben stehen, indem sie Ebene und Meta-Ebene kunstvoll vermischten und passend zur Textzeile "Trinkpause" auch gleich eine einlegten.
        Danach folgte dann ihr politisches Manifest, das Pamphlet Südamerika, das mit seiner provokanten Aussage "Ich bin hier zum Komasaufen, ich will hier nicht diskutieren" messerscharf den Finger in die Wunde der post-industriellen Konsumgesellschaft legte und gerade durch seine zeitgeschichtliche Aktualität angesichts der Dichotomie zwischen dem sozialen Überlebenskampf in den brasilianischen Favelas (Brasilien liegt in Südamerika, klingelts?) und der Hyper-Kommerzialisierung der Fußball-Weltmeisterschaft wertvoller denn je ist. Beharrliches Wiederholen dieser beiden Stücke sollte hier den Lerneffekt bei den anwesenden Studierenden stärken. Auch die zwischenzeitlichen Ankündigungen, "wir spielen so lange, bis ihr alle gegangen seid", diente nur der Lernmotivation, denn die Schule verlässt man ja auch erst, wenn man den erfolgreichen Abschluss geschafft hat. Zur Auflockerung wurden zwischendurch noch kleine Divertissements geboten, jedes aber auch komprimierte Lektionen über den Zustand der Gesellschaft. Auch bei Wo ist das Kind mit meinem Café Latte wird der Wohlstandsgesellschaft textlich durch "ohne Moos nix los, ich bin arbeitslos" das jüngste Gericht vor Augen gerufen, der finale Countdown dabei allgegenwärtig in jedem Stück.


        Gleichzeitig verdeutlichte die Art des Vortrags symbolisch die Entmenschlichung unserer Kultur, in der das Individuum zum austauschbaren  Platzhalter mutiert ist. Gleich drei Bassisten wurden während der Darbietung verschlissen, immer wieder neu durch zufällig Anwesende ersetzt. Aufkommende Zivilcourage wurde symbolisch bestraft, indem der Schlagzeuger freiwillig während der Performance ausstieg, dadurch aber die Runde Schnaps für das Künstlerkollektiv verpasste. So funktioniert Kapitalismus, kleine Brotkrumen halten den Papagei im Käfig am Singen.
        Das Publikum wurde dann irgendwann doch völlig verstört an die Theke entlassen, die Bühne wurde für die Chefdenker geräumt. Sie präsentierten als Gegenentwurf ein alternatives Kapitalismusmodell. Die Zukunft liegt in Europa und im Jobsharing, an diesem Abend in einer deutsch-niederländischen Koproduktion exemplifiziert. Je abwechselnd spielten Chefdenker und Bambix drei Stücke, bevor die andere Band übernahm, ein Musterbeispiel an Synergieeffekten, denn lästige Umbaupausen entfielen und die Auftritte beider Bands wurden so in zwei Stünden an einem Stück abgewickelt, schließlich ist Zeit Geld.

        Bambix

        Dennoch wurde dabei eine teutonische Hegemonie als Land der Dichter und Denker deutlich, denn nicht nur dass Chefdenker das Gemeinschaftsprojekt begannen und kurz nach Mitternacht beendeten, auch sang Wick Bambix zwei Lieder auf deutsch und zeigte auch so, wer der amtierende Weltmeister ist. Nicht verschwiegen werden soll hier aber die Schattenseite dieser Utopie, denn Schlagzeuger und Bassist mussten bei beiden Bands ran, standen also die gesamten 120 Minuten unablässig auf der Bühne, ein Symbol, dass Kaptalismus auch in einer scheinbar funktionierenden Form der Ausbeutung von Randgruppen bedarf.
        Vordenker Claus Lüer scheint auch eine geradezu pathologische Vorliebe für den Buchstaben C zu haben, plünderte er doch nicht nur das Repertoire seines Think Tanks Chefdenker, sondern auch das eigene Archiv in Form von Beiträgen aus den Werken von Casanovas Schwule Seite (Höllenfeuerlicht) und Cnochenfabrik (Fuck Off, Filmriss), jedes für sich bereits ein eindringliches Statement zur Lage im Keller des Rekorder.


        Hier herrschte nämlich inzwischen von den Temperaturen her eine Fegefeuer-Atmosphäre, die nur durch unkontrollierte Elektrolytzufuhr auf Hopfenbasis zu ertragen war. So war es nur stringent, den Filmriss ans Ende der Veranstaltung zu setzen. Um jedoch den kritischen Aspekt der Vorlesung auch hier zu verdeutlichen, dass in dieser Gesellschaft der Weg zum Erfolg und persönlichen Glück nur durch harte Entbehrungen zu bewältigen ist, ging der finalen Erlösung ein fünfminütiges Blues-Solo voraus, wie es Eric Clapton (man beachte das C!) nicht besser hinbekommen hätte. Und da Clapton bekanntlich im Volkssmund Gott ist, ist das Leiden von Gott gewollt und er somit der Teufel, eine Ambiguität, die radikaler ist als Nietzsches profanes "Gott ist tot".

        Chefdenker

        Marcel Reich-Ranickis "Am Ende sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen" schwebte somit als Fazit über diesen als harmloser Punkrock getarnten Diskurs über den Sinn des Lebens in der heutigen Zeit, einer Rückbesinnung auf Bier und Schweiß als Nährboden für die ganz großen Gedanken, die diese Welt voranbringen. Prost!

        Kepi Ghoulie w/ Dog Party

        Kepi Ghoulie / Dog Party

        17.07.14 Panic Room, Essen

        Als ich das letzte Mal im Panic Room im November letzten Jahres war, befand sich die Bühne noch direkt links am Eingang und deshalb musste pünktlich um elf Uhr Schluss sein. Da neben Kepi Ghoulie und Dog Party auch noch die französische Band Flying Over spielen sollten, war ich also recht früh am Viehofer Platz in Essen. So konnte ich noch einen sonnigen Sommerabend draußen verbringen, denn Dog Party eröffneten den Abend erst um 21 Uhr, da das Konzert quasi im Hinterzimmer stattfand, einem Club für schätzungsweise 100 Besucher.

        Dog Party
        Vor zwei Jahren waren die beiden Schwestern bereits mit Kepi Ghoulie auf Tour gewesen und ich hatte sie einmal elektrisch in Oberhausen und einmal akustisch in Düsseldorf gesehen und sie hatten mir sehr gut gefallen.Inzwischen haben sie ein neues Album veröffentlicht, ihr erstes auf dem renommierten Punk-Label Asian Man. Während Lost Control mit guter Produktion den Reifeprozess der inzwischen 16 und 18 Jahre alten Mädchen.unterstreicht, waren sie live immer noch die leicht schüchternen Teenager. Das mag aber auch daran gelegen haben, dass gerade einmal geschätzt fünf zahlende Gäste anwesend waren und sie dafür einfach noch nicht Rampensäue genug sind, um dennoch den leeren Club zu rücken.


        Aber sie machten ihre Sache dennoch gut, spielten die Songs druckvoll, egal ob eigene oder Cover wie Los Angeles (X) oder Girlfriend (Ty Segall). Danach dann kurze Beratung mit dem Soundmensch vom Panic Room und es wurde beschlossen, dass Kepi Ghoulie als nächstes spielen würde, um so einen Umbau des Schlagzeugs zu sparen.
        Der Mann ist Pop Punk in Reinkultur, seine gute Laune scheint unerschöpflich, ebenso wie seine Lust aufs Touren, war er doch erst im April mit Chixdiggit unterwegs. Von denen hatte er sich wohl auch bei der Setlist inspirieren lassen. Vor ein paar Jahren hatten die Kanadier einen Riesenzettel dabei mit allen Songs, die sie auf Kommando spielen könnten und bei Kepi war es genauso.

        Kepi Ghoulie w/ Dog Party

        54 Stücke hat er derzeit mit Dog Party, die nicht nur Vorgruppe sondern auch seine Begleitband waren, im Repertoire und die standen auf einer langen Liste auf dem Bühnenboden. Doch bei nur gut vierzig Minuten Spielzeit konnte leider nur ein Bruchteil zu Gehör gebracht werden. Neben Liedern von seinen Soloalben gab es natürlich reichlich Groovie Ghoulies zu hören und auch die Ramones durften natürlich nicht fehlen.


        Recht früh im Set riss ihm eine Bass-Saite und so lieh er sich Ersatz von Flying Over aus, während die Franzosen dann in Ruhe die Saite wechseln konnten. Mit fremdem Instrument verkniff er sich sogar das sonst übliche Rumhüpfen, um den Bass nicht versehentlich zu demolieren.
        Trotz der knappen Spielzeit fand er auch noch Gelegenheit für einige (Semi-)Akustik-Songs, die mir wie schon vor zwei Jahren fast noch besser gefielen, denn mit weniger Geschwindigkeit offenbarten die Lieder erst so richtig ihre schönen Melodien.


        Zum Finale durfte dann auch noch der italienische Tourbegleiter Bada den Bass zupfen und Kepi konnte so zu Freaks On Parade ohne Instrument hemmungslos herumtollen.
        Von Flying Over hörte ich mir anschließend noch zwei Songs an, es klang mehr nach Garagenrock als Pop Punk, entschied mich dann aber doch, vorzeitig den Heimweg anzutreten, da ich am nächsten Morgen früh aufstehen musste.

        Kepi Ghoulie w/ Dog Party

        Es war wie immer eine helle Freude, Kepi Ghoulie live zu erleben, der die wenigen Anwesenden glänzend unterhielt und auch die Jungs von Flying Over zum Mittanzen brachte.

        The Jon Spencer Blues Explosion

        The Jon Spencer Blues Explosion / The Glücks

        14.07.14 Gleis 22, Münster

        Zwei Jahre ist es her, dass The Jon Spencer Blues Explosion ihr letztes Album veröffentlicht haben und dennoch sind sie scheinbar unablässig auf Tour, so dass sie zur Festivalhochzeit auch mal im kleinen Lieblingsklub nördlich des Ruhrgebiets vorbeischauten.
        Doch zunächst spielte ein belgisches Duo namens The Glücks auf und das klang ziemlich gut, dreckiger, fuzziger Garagenbeat mit hauptsächlich weiblichem Gesang der Schlagzeugerin.

        The Glücks

        Das war zwar manchmal etwas monoton und auch nicht unbedingt virtuos gespielt, die vierzig Minuten gingen dennoch ruckzuck rum und machten Spaß vor allem wegen der energiegeladenen Darbietung.
        Kurz vor zehn kamen dann Juda Bauer, Russell Simins und Jon Spencer aka The Blues Explosion auf die Bühne.

        The Jon Spencer Blues Explosion

        Am Anfang wirkte ihr Auftritt noch etwas zurückgenommen und auch das Publikum im gut gefüllten, aber nicht zu vollen Gleis brauchte etwas, um warm zu werden. Doch als das erste Mal gerockt und nicht nur cool gegroovet wurde, stieg die Stimmung sofort merklich an. Danach schien auch Jon Spencer auf Betriebstemperatur, denn es ging Schlag auf Schlag weiter. Eine Setlist gab es nicht, er rief immer nur kurz den nächsten Songtitel Russell Simins am Schlagzeug zu und fast ohne Pause ging es weiter.


        Nach nicht ganz einer Stunde verabschiedete sich das Trio bereits überraschend früh, doch rückblickend war das nicht das Ende des regulären Sets, sondern eher eine kurze Pause. Denn natürlich kamen sie wieder und spielten noch einmal eine halbe Stunde. Und jedes Mal, wenn ich dachte, nun ist aber wirklich Schluss, gab es einen weiteren Zuruf Spencers Richtung Schlagzeug und es wurde noch ein Lied drauf gepackt.


        Erst nach einem Jam am Theremin und dem Beastie Boys Cover She's On It war dann endgültig Schicht. Da ich die ganze Zeit neben der Lüftung links am Bühnenrand gestanden hatte, merkte ich erst jetzt beim Rausgehen, wie heiß es im Raum geworden war, aber kein Wunder, denn The Jon Spencer Blues Explosion bringen wohl jeden Club zum Kochen und das Gleis 22 machte da natürlich keine Ausnahme.

        The Jon Spencer Blues Explosion

        Sonntag, 13. Juli 2014

        aniYo kore

        aniYo kore

        12.07.14 Leonie-Reygers-Terrasse, Dortmund

        Ich hatte das Dortmunder Duo aniYo kore das erste Mal beim Small Beast im April diesen Jahres gesehen und gehört und für sehr gut befunden. Die nächste Gelegenheit bot sich nun im Rahmen der Veranstaltungsreihe Sommer am U, die - welch Überraschung - im Schatten des Dortmunder U stattfindet.

        aniYo kore
        Dabei ist das Setting minimal, aber schön. Zwei an den Seiten geöffnete Baucontainer, einer als Bühne, einer als Bar, dazu einige locker davor verteilte und mit Teppichen zu bequemen Sofas umfunktionierte Euro-Paletten, das lädt zum Entspannen ein, gerade wenn samstags die Stadt sonst voll ist mit Shoppern und die Primark-Tüten einem in die Kniekehlen gerammt werden.
        Gegen halb Acht begaben sich dann aniYo kore in den Container, um die entspannte Stimmung davor musikalisch zu untermalen. Ich hatte sie im April als Dortmunds Antwort auf Portishead bezeichnet, denn Schubladen sind simpel und praktisch, aber natürlich ist das ein Vergleich, der hinkt. Zum einen gefällt mir der Gesang bei aniYo kore besser, denn der Gesang ist facettenreicher, dafür fehlt ihnen andererseits das Pathos und der Weltschmerz der Briten, was sie auch gar nicht wollen.

        aniYo kore

        Doch die Dortmunder kann man nicht nur auf Chill-Out reduzieren, denn dafür pluckerten selbst an diesem sonnigen Abend manche Beats zu düster um die Ecke, so dass die später aufziehenden Wolken geradezu angelockt wurden von ihnen. Und auch die zahlreichen Samples stammten nicht nur aus hippen Filmen, darunter mischte sich u.a. auch eine Reportage über die Bilderberg-Konferenz, einem jährlichen Treffen der elitären Geld- und Macht-Zirkel, an der auch Angela Merkel kurz vor ihrer Wahl zur Kanzlerin teilnahm.
        Und wenn die Stimme wie bei Ladybirds And Watervipers zwischendurch plötzlich eine sirenenhafte Schärfe bekam, sorgte das zudem für eine Gänsehaut.
        Natürlich ist ein Auftritt, bei dem einer die ganze Zeit nur Knöpfchen dreht, während die andere dazu singt, optisch nicht spektakulär, aber dennoch konnten aniYo kore die Zuschauer eine Stunde lang fesseln und begeistern. Und auch der Band schien der Auftritt mehr als nur zu gefallen, wie sie Tags darauf auf ihrer Homepage kund tat: "When a small hometown concert turns out to become one of the most wonderful experiences in a band's history...
        well that is exactly what happened yesterday."


        Eine neue Platte wird auch gerade aufgenommen, einen neuen Song stellten sie auch bereits vor, die Freude darauf und auf mehr solcher Auftritte wurde durch diese Show garantiert geweckt.
        Das Ganze machte auch Lust auf weitere Veranstaltungen im Rahmen des Sommer am U. So spielen dort im September noch Sisterkingkong und Ritalin Ray, was ebenfalls schöne Konzerte verspricht.

        Sommer am U

        Samstag, 12. Juli 2014

        Jack White / Monty Python

        Jack White / The Amazing Snakeheads

        03.07.14 Eventim Apollo, London

        Monty Python

        04.07.14 The O2, London

        Im November letzten Jahres kündigten die fünf noch lebenden Mitglieder von Monty Python eine Bühnenshow in Londons O2 Arena für den 1. Juli 2014 an. Meine Freundin hatte damit ihr Weihnachtsgeschenk für mich gefunden, nur buchen musste ich die Tickets selber. Am 25. November saß ich vor dem PC und wartete auf den Vorverkaufsstart. Innerhalb von 40 Sekunden waren die Tickets vergriffen und ich hatte keins bekommen. Doch noch während ich verzweifelt versuchte Plätze zu ergattern, wurden weitere Shows bekannt gegeben und gingen in den Verkauf, so dass ich glücklicherweise zwei Karten für den vierten von insgesamt zehn Auftritten erhaschen konnte.

        Eventim Apollo

        Da es ein Freitag war, planten wir ein langes Wochenende von Donnerstag bis Sonntag. Als dann Jack White einen Auftritt in London für den Samstag ankündigte, wurde die Gelegenheit auch gleich mit beim Schopf gepackt, denn Deutschland stand bislang nicht auf seinem Tourplan. Später noch ein kurzer Schock, als per Mail die Verlegung des Konzerts angekündigt wurde, gefolgt von Erleichterung, dass es genau zwei Tage vorverlegt wurde, wir da ja auch schon in London sein würden.
        Jack White spielte im Hammersmith Apollo. ein altehrwürdiges Theater mit fast 5.000 Plätzen und mit unfassbar plüschigem Teppich, das dem allgemeinen Sponsoringtrend folgend derzeit unter Eventim Apollo firmiert und das Haus war natürlich ausverkauft. Zum Vergleich, im November kehrt Herr White nach London zurück und buchte dafür dann gleich die 20.000 Besucher fassende O2 Arena.

        The Amazing Snakeheads

        Um acht Uhr begannen The Amazing Snakeheads aus Glasgow, ein Trio mit nur einem Bart, für schottische Bands sehr ungewöhnlich. Dafür hatten sie sich noch zwei Damen als Verstärkung mit auf die Bühne gebracht. Eine halbe Stunde lang gabs dreckigsten, angepunkten Blues mit einer Prise The Cramps und Birthday Party, der mich an eine etwas langsamere Version von Eighties Matchbox B-Line Disaster erinnerte. Das kommt im Kellerclub deines Vertrauens vermutlich noch zehnmal besser als vor einer doch recht indifferenten Horde Briten, die auf Jack White warten. Dennoch gab es mehr als nur Höflichkeitsapplaus für die jungen Schotten.

        Jack White

        Um neun Uhr öffnete sich dann der Vorhang und ganz in Blau getaucht legte der Meister mit seinen fünf Musikern los mit Sixteen Saltines von seinem ersten Soloalbum Blunderbuss, gefolgt von zwei White Stripes-Stücken, ehe mit High Ball Stepper, vermutlich das Instrumentalstück des Jahres, der erste Song seines neuen Albums Lazaretto folgte. White und seine Band waren voller Spielfreude, dehnten die Songs immer mal wieder in die Länge, hauten regelmäßig, als jeder schon dachte, das Lied sei zu Ende, noch einmal eine Reprise raus, ohne dabei aber zu gniedelig zu werden. Das Hank Williams-Cover Ramblin' Man wurde mit Cannon von den White Stripes gemischt und mehrmals hin und her geschüttelt. Zwischendurch dann ab und zu mal ruhigere, folkigere Momente, die die Zuschauer Luft holen und den Schweiß abperlen liessen, denn nach einem sonnigen Tag mit fast 30 Grad in London war es auch abends im Apollo noch sehr heiß.
        Nach gut 75 Minuten und einem angespielten Holiday In Cambodia von den Dead Kennedys, dem Bell And Biscuit von den White Stripes folgte, verließen die Musiker die Bühne. Was dann folgte, kann man aber eigentlich nicht als Zugabe bezeichnen, es war eher wie der zweite Teil einer hochklassigen Show, die nach der Pause noch mehr an Fahrt gewann.


        Nun wurden neben White Stripes und den Solostücken auch noch The Raconteurs und The Dead Weather ausgepackt. Und nach Steady As She Goes folgte dann das große Finale mit Seven Nation Army und das Apollo stand Kopf. Ziemlich genau zwei Stunden hatte Jack White gezeigt, wie man rockt und wäre alleine schon den Kurztrip nach London wert gewesen.

        Jack White

        Setlist Jack White:
        Sixteen Saltines
        Astro
        Dead Leaves And The Dirty Ground
        High Ball Stepper
        Lazaretto
        Hotel Yorba
        Temporary Ground
        Ramblin' Man / Cannon
        Icky Thump
        Missing Pieces
        Three Women
        Love Interruption
        Blunderbuss
        Top Yourself
        I'm Slowly Turning Into You
        Holiday In Cambodia / Bell And Biscuit
        ---------------------------------------------------------------
        Just One Drink
        Alone In My Home
        You Don't Know What Love Is (You Just Do As You're Told)
        Hello Operator
        Would You Fight For My Love?
        Broken Boy Soldier
        Blue Blood Blues
        Steady As She Goes
        Seven Nation Army

        The O2

        Im März zu Dÿse waren wir ja schon per Boot ins Hafenklang gefahren und auch zur O2 Arena hat man verschiedenste Anfahrtmöglichkeiten. Die Tube hatten wir uns für den Rückweg vorbehalten, per River Bus über die Themse war eine nette Option, aber unschlagbar war der Weg aus der Luft mittels Seilbahn. Und so gondelten wir in luftiger Höhe über die Themse der Arena entgegen. Unsere Plätze befanden sich im Oberrang, den man am bequemsten über Rolltreppen erreicht und der verdammt steil ist, so dass man aber auch von da oben eine sehr gute Sicht hatte. Kurz nach halb acht betraten die fünf älteren Herren die Bühne und sangen ein Lied über Lamas. Es folgte ein bunter Reigen aus den Sketchen des Monty Python's Flying Circus, immer wieder unterbrochen von Animationen und Einspielern aus der Original-Fernsehserie. Dazu gesellten sich zahlreiche Gesangseinlagen aus dem Monty Python Sings Album, mit echtem Orchester im Graben vor der Bühne und auch Tanzeinlagen eines Balletts. So wurde tänzerisch das Ministry of Silly Walks gewürdigt, da John Cleese diese Akrobatik in seinem Alter nicht mehr zuzumuten war.

        Monty Python
        Dabei zeigte sich vor allem Eric Idle noch ausgezeichnet bei Stimme, wie überhaupt alle fünf einen ziemlich fitten eindruck machten (Terry Gilliam flog einmal sogar über die Bühne). Und an kleinen Patzern merkte man auch, dass sie noch unheimlich Spaß hatten. Als John Cleese sich in einem Sketch schier endlos räusperte, tat Eric Idle so, als sei er eingenickt, worauf Cleese sich das Lachen nicht verkneifen konnte.
        Und ausgerechnet im Höhepunkt der über zweistündigen Show, dem Parrot Sketch, konnte Cleese es sich nicht verkneifen, die Zuschauer kurz über den Zwischendstand bei der WM in Brasilien zu informieren, indem er ein Husten imitierte und dabei mitteilte "I heard Brazil are leading 1-0" Michael Palin schaute in daraufhin entgeistert an und fragte ihn "Did you just step out of your character?".
        Beim Blackmail-Sketch gab es jeden Abend einen anderen prominenten Gast unter der Papiertüte als Erpressungsopfer, am Abend zuvor war es Bill Bailey, bei uns Noel Fielding von The Mighty Boosh.
        Natürlich war der Abend Nostalgie pur, aber wenn sie so unterhaltsam daher kommt, warum nicht? Und dass die älteren Herren immer noch genug schwarzen Humor haben, bewies das Motto der Auftritte: "One Down, Five To Go".
        So war es ein unvergessliches Erlebnis, diese Comedy-Legenden einmal live gesehen zu haben.

        Monty Python

        Sonntag, 22. Juni 2014

        The Tiger Lillies

        The Tiger Lillies / Paul Wallfisch

        20.06.14 Schauspielhaus, Dortmund

        Zum Abschluss des NRW-Theatertreffens gab es noch einmal Musik auf die Ohren mit der britischen Kult-Combo The Tiger Lillies. Die scheinen ein so obskurer Kult zu sein, dass sie mir bislang verborgen geblieben waren, eigentlich ein Kunststück bei über 30 Alben in 25 Jahren Bandgeschichte. Doch vor der Entdeckungsreise wanderte ich auf bekannten Pfaden mit Paul Wallfisch als Vorprogramm.
        Vorprogramm? Nanu, wie das? Auf ihrer Homepage haben The Tiger Lillies einen eigenen Bereich für Ihre Anforderungen an die Veranstalter, den ich in seiner Ausführlichkeit so noch nicht gesehen hab und da steht
        NO SUPPORT ACTS... EVER.
        Nein, No, Ne, Non, Nai, Nid oes
        The Tiger Lillies do not perform with support acts, we play 2 complete full length sets and do not require or desire a support act. We do not want to have to move our instruments and monitors to accommodate a support. We assume that an audience have come to see us perform and so we prefer to not have the distraction and inconvenience of a support act, no matter how small, nice, similar, different or good they are. After 25 years we think that is fair enough.
        Ich gehe mal davon aus, dass für einen alte Bekannten eine Ausnahme gemacht wurde und so kroch Paul um 22 Uhr wie schon bei den letzten beiden Small Beasts auf die Bühne und eröffnete sein Set mit einem Lied des New Yorkers Künstlers Robert Leaver.

        Paul Wallfisch, Merle Wasmuth, Julia Schubert, Bettina Lieder

        Es folgte ein Best Of aus seinen musikalischen Beiträgen am Dortmunder Theater mit Songs u. a. aus Einige Nachrichten an das AllDer Meister und Margarita oder Woyzeck. Besonders nett war der Auftritt der drei Damen vom Grill, Bettina Lieder, Julia Schubert und Merle Wasmuth in knappen Proll-Girlie-Outfits und mit Lolli im Mund, während Wallfisch im Talar mit Elvis-Perücke ausgestattet wurde. Danach standen dann Mike Pickering und Adrian Stout von den Tiger Lillies am Schlagzeug und singender Säge Wallfisch zur Seite, womit er gleich den passenden Übergang geschaffen hatte, denn danach verließ er die Bühne und Martyn Jaques komplettierte das Trio und das Set der Tiger Lillies begann.

        The Tiger Lillies

        Das Gewöhnungsbedürftigste ist sicherlich Martyn Jaques' Stimme, dieses an Dame Edna erinnernde Falsett. Ich hatte als Vorbereitung in ihr neuestes Album A Dream Turns Sour reingehört, das die Band bereits vor der Veröffentlichung auf Soundcloud streamt und auf dem Texte über den ersten Weltkrieg vertont wurden. Und während der Gesang dort schon manchmal nervt, passte das live überraschend gut in Kombination mit den geschminkten Gesichtern und der wunderbaren Mimik, die alle seinen typisch englischen Akzent kongenial unterstrichen.
        Die Musik der Tiger Lillies bedient sich bei Brecht/Weill'schen Melodiebögen und könnte mit böser Zunge auch als Zirkusmusik bezeichnet werden. Auch textlich bewegt sich Martyn Jaques gerne im Milieu der Dreigroschenoper (nicht umsonst heißt eines ihrer Alben Two Penny Opera), Zeilen wie "I'm a sailor, I'm full of fun / I'm bulging now and full of cum / I need a whore, I need her now / she could be innocent or a cow" ( aus Sailor vom letztjährigen Album Either Or) sind typisch und verdeutlichen den Spaß am Derben und damit auch eine ironische Distanz zu Sozialromantik.

        The Tiger Lillies

        Während auf Platte mir daher die Texte deutlich besser gefallen als die Musik, obwohl sie sich natürlich hervorragend ergänzen, bereitete das Live-Erlebnis, das für mich immer in erster Linie ein musikalisches ist, auch sehr viel Vergnügen. Die Stücke werden zum Teil etwas schneller und wilder gespielt und vor allem an Jaques' Mimik und Pickerings Schlagzeugspiel konnte ich mich nicht satt sehen. Das Drumkit war gespickt mit vielen kleinen Spielzeugen, deren Bedienung weit über normale Rhythmusarbeit hinaus ging.
        Die Alben sind oft einem Konzept gewidmet, allein in den letzten drei Jahren vertonten The Tiger Lillies Wedekinds Lulu, Coleridge's Rime Of The Ancient Mariner, Büchners Woyzeck und Shakespeare's Hamlet. Das Set an diesem Abend war hingegen ein normales Konzert mit einer Sammlung von Songs aus allen Phasen der Band. Entgegen ihren eigenen Vorgaben (siehe oben) gab es auch keine Pause, sondern nach einer Pause verabschiedete sich die Band bereits. Paul Wallfisch hatte bereits bei seinem Auftritt angekündigt, dass er sich kürzer fassen werde als üblich, denn die alten Herren wollten nicht zu spät auftreten. Und so kamen sie zwar zu einer Zugabe zurück auf die Bühne des sehr gut gefüllten Schauspielhauses, hielten diese aber recht kurz. Das Publikum wurde kurz um Wünsche für die Zugabe gebeten, dann wählte Martyn Jaques zwei Lieder aus den Vorschlägen aus, die dann kurz und wild über die Bühne gebracht wurden. Danach verließ die Band selbige und marschierte zu stehenden Ovationen durch den Zuschauerraum ins Foyer, um noch CDs zu verkaufen.

        Wie sang Jaques so schön in Terrible, einer der Zugaben: "I'm terrible, terrible, shouldn't be allowed to sing my songs of filth to a decent crowd." Dem kann ich nur widersprechen, denn ich werde mir die Band definitiv wieder anschauen, wenn sie irgendwo in der Nähe spielt.

        Montag, 16. Juni 2014

        Thomas Truax

        Thomas Truax

        14.06.14 Junge Oper, Dortmund

        Thomas Truax war in der abgelaufenen Spielzeit verantwortlich für die Musik zur Inszenierung von Peer Gynt am Schauspielhaus Dortmund. Zwischen den Aufführungen hatte Truax immer mal wieder Solo-Auftritte bestritten, u. a. einen sehr guten im Vorprogramm von Gallon Drunk in Krefeld. Da Peer Gynt nun ausgelaufen ist, könnte dieses Konzert im Rahmenprogramm des NRW-Theatertreffens eine der letzten Gelegenheiten gewesen sein, den sympathischen Amerikaner live in Dortmund zu erleben.
        Schauplatz war die Junge Oper, ein kleiner Wellblechschuppen neben dem Schauspielhaus, in dem sonst hauptsächlich Opernaufführungen für Kinder und Jugendliche stattfinden.

        Thomas Truax

        Gegen 23:15 betrat Truax die ebenerdige Bühne vor ca. 50 Zuschauern, womit der kleine Saal gut gefüllt war. Er bot dabei eine bunte Mischung aus Stücken seiner zahlreichen Alben, natürlich auch aus seinem neuesten Trolls, Girls & Lullabies, dem Soundtrack zu Peer Gynt, sowie zahlreichen Coverversionen.
        Wie immer offenbarte er dabei, welch großartiges Spielkind in ihm steckt. Bei Full Moon Over Wowtown begab er sich wieder auf Wanderung, zunächst durch den Zuschauerraum. Dabei versteckte er sich kurz unterhalb einer Kanzel, in der der Ton- und Lichtmensch ihren Job verrichteten, um dann vor die Glasscheibe zu springen und die beiden gehörig zu erschrecken.
        Anschließend öffnete er eine Notausgang-Tür nach draußen und drehte einige Runden ums Gebäude. Anschließend erzählte Truax, dass er draußen singend und Gitarre spielend an einer Polizeistreife vorbeikam. Bei der nächsten Runde standen die Beamten immer noch da und schauten wohl etwas komisch, während sich Thomas noch nie so beschützt während eines Auftritts fühlte.
        Bei The Butterfly And The Entomologist gab mitten im Lied der kleine Taschenventilator ("It's always good for an artist to have a personal fan") seinen Geist auf, so dass Truax das Lied per Hand zu Ende spielen musste. Solch kleine Pannen brachten ihn aber nicht aus der Fassung, denn ein wenig chaotisch wirkten seine Auftritte schon immer. Wie ein zerstreuter Professor wuselte er zwischendurch immer wieder über die Bühne, als ob er vergessen hatte, was er als nächstes tun wollte.

        Thomas Truax

        Und als wären die Geschichten in seinen Songs nicht schon bizarr genug - man denke nur an Why Dogs Howl At The Moon, einer der schönsten Momente des Abends, so zeigte sich Truax auch dazwischen in Plauderlaune. So erzählte er von seinem Kurzauftritt während der Eröffnungsfeier des Theatertreffens am Abend zuvor, als auch der Bürgermeister der Stadt Dortmund anwesend war und  an einem Rednerpult stand, während daneben auf einem Podest Mother Superior, seine Eigenkonstruktion eines Rhythmusrades, thronte, so dass die Szenerie wie eine Podiumsdebatte zweier Politiker wirkte.
        Er ließ sich auch von der Kulisse inspirieren, denn in einer Ecke der Bühne stand eine kleine Rakete, vermutlich eine Requisite von einer vergangenen Aufführung. Er ließ den letzten Akkord auf seiner Gitarre lange weiterhallen und ging dann zu der Rakete rüber und lauschte und erklärte dann, dass er dachte, dass das Geräusch vom Triebwerk der Rakete stamme, weil Mother Superior immer schon einmal zu den Sternen fliegen wolle.
        Letzten Monat stellte Thomas Truax für einen Blog acht seiner Lieblingslieder vor und vielleicht spielte er deshalb an diesem Abend so viele Coverversionen. Wie schon Joseph Keckler beim letzten Small Beast trug er seine Version von I Put A Spell On You vor, Satisfaction wurde ja auch in Peer Gynt verarbeitet, aber Sleepwalk gehörte zu eben dieser Bestenliste.


        Auch einen brandneuen Song stellte Truax vor. Hatte Joseph Keckler beim Small Beast ein Lied namens I Was A Teenage Goth gespielt, konterte Thomas mit I Was A Teenage Post Punk und der herrlichen Textzeile "Bauhaus for breakfast, Wire for lunch".
        Das mit einer psychedelischen Leuchtbrille gespielte Beehive Heart beendet dann fast 75 Minuen das kurzweilige Set.  Und dann passierte etwas Merkwüdiges. Das Publikum, das sich während des ganzen Auftritts merklich prächtig unterhalten fühlte, klatschte normal Beifall, dann war es still, aber niemand machte Anstalten zu gehen. Truax stand sichtlich verwirrt am Bühnenrand und wusste nicht, was er davon halten sollte. Ich hatte so etwas auch noch nicht erlebt und sagte dann zu ihm, dass offenbar niemand gehn würde, ehe er nicht noch etwas spielen würde. Den gefallen tat er uns dann auch und coverte als Rausschmeißer zwischen den Sitzreihen den Country-Klassiker King Of The Road. Jetzt waren offenbar alle zufrieden und machten sich auf den Weg an die frische Luft.

        Thomas Truax

        Ich werde Thomas Truax am Dortmunder Theater vermissen und hoffe, das er vielleicht das eine oder andere Mal zu Gastauftritten vorbeischaut, denn wie er seinen Spieltrieb kreativ in wunderbare Musik umsetzt, ist schon einzigartig.

        Sonntag, 15. Juni 2014

        Gallon Drunk

        Gallon Drunk / Dazzle Ships

        07.06.14 King Georg, Köln

        Aller guten Dinge sind drei. Dreimal habe ich dieses Jahr bereits Thalia Zedek und Dÿse live gesehen und nach den zwei wunderbaren Auftritten in Münster und Krefeld Anfang April war es nur logisch, sich Gallon Drunk auch noch ein drittes Mal anzuschauen.
        Gegen 20:15 begann die Kölner Vorgruppe Dazzle Ships und sorgte bei mir für leichte Verwunderung. Beide Gallon Drunk-Konzerte im April hatten jeweils gut 80 Minuten gedauert und im King Georg ist normalerweise gegen zehn Schluss mit lauter Live-Musik, also bedeutete eine Vorband ein deutlich kürzeres Set für den Haupz-Act.

        Gallon Drunk
        Und dann spielten Dazzle Ships auch noch fast eine Dreiviertelstunde. Ihre Musik klang nicht schlecht, angeschrägter Indierock mit netter Elektronik-Unterstützung, aber dafür war ich nicht nach Köln gefahren.
        Aber ohne Dazzle Ships hätte ich gar nicht ins King Georg fahren brauchen, denn wie ich später erfuhr, reisten Gallon Drunk nur mit dem nötigsten Gepäck an, also ohne Backline und Drumkit, da sie eigentlich nur für den Auftritt beim Orange Blossom Special tags drauf nach Deutschland kamen und daher nachmittags erst in Köln mit dem Flieger landeten und am nächsten Tag mit dem Zug weiter nach Beverungen fuhren.
        Los ging es wieder mit Before The Fire und ich hatte wieder den Eindruck, dass dieser Opener einfach perfekt war, um die Band in die richtige Stimmung zu versetzen. Ruhig beginnend steigerte sich das Stück konstant über zehn Minuten und am Ende waren James Johnston und Co. wieder im Rockmodus.
        Das King Georg war gut, aber angenehm gefüllt, es war sogar genug Platz für manche zum expressiven Tanzen. Die Band rollte wie eine gut geölte Dampfwalze durch ihr Set und auch die nicht vorhandene Bühne und die dadurch größere Nähe zum Publikum hielt Gitarrist James nicht vom ausgiebigen Posen ab.
        Kurz vor zehn fragte er Richtung Theke, wie viel Zeit sie denn noch hätten und bekam sechs Minuten genannt. Das reichte noch für The Speed Of Fear, aber statt der sechsminütigen Albumversion wurde wieder eine finale Viertelstunde mit allem geboten, was mich schon im April umgehauen hatte. James wanderte etwas durch Publikum, hing seine Gitarre kurz mal einem Zuschauer um und ließ ihn etwas schrammeln, bevor er selber die Decke mit seinem Instrument bearbeitete.

        Gallon Drunk

        Da das Set zwangsweise kürzer war als normal, kam Köln natürlich nicht an die Shows im Gleis 22 oder der Kulturrampe heran, nichtsdestotrotz schafften es Gallon Drunk wieder mühelos, alle Besucher zu begeistern. Veranstalter Jan stand anschließend vor seinem King Georg und war immer noch hin und weg von diesem Konzert und sagte zu Bekannten, wie froh er sei, dass er es hinbekommen hatte, diese Band zu buchen.
        Und sollte sich die Gelegenheit bieten, werde ich mir die Band auch noch ein fünftes Mal oder noch öfter ansehen, denn von Gallon Drunk sollte man nie genug bekommen.

        Freitag, 13. Juni 2014

        Small Beast w/ Les Colettes & Joseph Keckler

        Small Beast

        w/ Les Colettes / Joseph Keckler / Paul Wallfisch

        31.05.14 Schauspielhaus, Dortmund

        Das letzte Small Beast vor der Sommerpause war namentlich eines der schwächeren in dieser Spielzeit, denn Les Colettes hatte ich bereits bei meinem allerersten Small Beast gehört und Joseph Keckler, ein Bariton aus New York, sagte mir überhaupt nichts. Aber als Gewohnheitstiere waren wir natürlich da, diesmal im Studio und nicht im kleineren Institut.

        Paul Wallfisch

        Das Motto der heutigen Einleitung von Paul Wallfisch schienen Wiederholungen zu sein. Wie im letzten Monat kroch er auf allen Vieren ins Studio und erklärte noch einmal die Geschichte seines Freundes Robbie Leaver und seines Projekts, den Broadway entlang zu kriechen, ehe er dessen Song spielte, den er bereits letztes Mal vorgestellt hatte.
        Dabei gab Paul dann einen kurzen einblick in seine Herangehensweise. Er müsse Sachen immer mindestens zweimal spielen, beim dritten Mal werde er dann bereits gelangweilt. Als er danach dann ein weiteres Lied von Robbie Leaver spielte, dieses zum ersten Mal, kündete er bereits die Wiederholung dieses Stücks für das erste Small Beast der neuen Spielzeit im September an. Er blieb dieser Aussage im weiteren Verlauf treu und wiederholte auch sein neues Lied, das er beim letzten Mal mit dem Gitarristen von Elysian Fields präsentiert hatte, diesmal allein.

        Joseph Keckler

        Nach Pauls Set kam dann Joseph Keckler und ich erwartete ein normales Konzert, aber es wurde eine spektakuläre Performance, die zum Besten gehörte, was ich bislang beim Small Beast gesehen hatte.
        Er begann mit einer abstrusen Geschichte, dass er heute und das bei seinem allerersten Besuch in Deutschland in der Dortmunder Fußgängerzone einen alten Bekannten aus New York getroffen hätte. Schnell wurde klar, dass dies nur eine Einleitung war, die überging in eine abstruse Geschichte über den Genuss halluzinogener Pilze, vorgetragen im Stile einer italienischen Oper und auch auf Italienisch gesungen (zum besseren Verständnis lief eine Übersetzung des Textes auf einer Leinwand mit.


        Auf dieser Leinwand wurde dann ein Clip von Keckler namens I Was A Teenage Goth gezeigt, der Name war Programm. Musikalisch ging es klassisch weiter, indem er Paul Wallfisch ans Piano rief und dazu Schuberts Der Tod und das Mädchen sang. Seine Opernstimme konnte er aber auch mühelos ablegen und mit einer angenehm normalen Singstimme eigene Songs vortragen, dazu selber Klavier spielend. Mal ließ er die Musik vom Band kommen und trug dazu David Bowies You've Been Around vor.All dies wurde immer von herrlich humoristischen Monologen unterbrochen. Zwischendurch gesellte sich noch Paul Wallfischs Nachbar Wim Wollner am Saxofon zu den beiden für zwei Lieder und so verging fast eine Stunde wie im Fluge. Das Publikum war begeistert und natürlich wurde eine Zugabe erklatscht. Zu der wickelte sich Keckler in Toilettenpapier ein und trug dazu eine wunderbare Version von Tim Buckleys Klassiker Song To The Siren vor. Danach entpackte er sich wieder bis auf einen kleinen Pferdeschwanz aus Klopapier an der Hose und spielte noch einen Song am Klavier, ehe es in die obligatorische Pause ging.


        Les Colettes hatten danach einen schweren Stand bei mir. Die Französinnen sind inzwischen vom Quartett zum Trio geschrumpft. Die Schlagzeugerin hat die Band verlassen, die Rhythmusarbeit übernahm gelegentlich die Sängerin mit einer einfachen Tom, ansonsten wurde reduzierter nur mit Gitarre (abwechselnd auch Geige) und Bass musiziert. Das erinnerte an Minimalrock und klang grundsätzlich gut, zumal die Geige nicht fiedelte, sondern auch fast wie eine Gitarre klang, und hat die Band auch schon ins Vorprogramm von Nick Cave gebracht, konnte mich aber nicht so recht überzeugen.

        Les Colettes

        Zum einen wurde die Stimme der Sängerin sehr schnell quäkig, wenn sie lauter wurde, zum Anderen war vor allem ihr Schlagzeugspiel manchmal etwas arg holprig und ließ die Songs in meinen Ohren unrund klingen. Auch fand ich ihr Cover von In Heaven aus Eraserhead nicht so toll, bin da aber einfach zu sehr Fan der Pixies-Version. Aber mit meiner mangelnden Begeisterung war ich wohl der einzige im Studio, auch wenn meine Freundin bemerkte, dass Joseph Keckler, der den Auftritt von Les Colettes am Rand verfolgte, auch nicht besonders beeindruckt zu wirken schien. Doch zur Zugabe versöhnten mich Les Colettes dann mit einer sehr gelungenen Version von Bei mir bist du schön von den Andrews Sisters.


        Nachdem mich die Tage zuvor Son Lux umgehauen und auch Die Nerven wieder überzeugt hatten, hatte das Small Beast eigentlich einen schweren stand im Vorfeld gehabt, aber Joseph Keckler sorgte für einen dieser magischen Momente, wo man nichts erwartet und am Ende mit leuchtenden Augen da sitzt und vollkommen hin und weg ist und die mich immer wieder darin bestätigen, dass ich nicht zu viele Konzerte besuche.
        Zur Verabschiedung kündigte Paul Wallfisch dann noch an, dass beim nächsten Small Beast im September Howe Gelb von Giant Sand zu Gast sein wird, was die Vorfreude auf die neue Spielzeit noch erhöhte.

        Montag, 9. Juni 2014

        Die Nerven

        Die Nerven / Inseln

        30.05.14 Die Trompete, Bochum

        Die Trompete, das klingt doch ganz klar nach einem Jazzclub. Dazu noch die auf Schickimicki machenden aber im Grunde doch ziemlich verranzt aussehenden Säulen am Eingang und dieser überdimensionale Aschenbecher vor der Tür...halt, das war gar nicht Die Trompete, sondern eine Möchtegern-Schickimicki-Bar am Rande des Bochumer Bermuda-Dreiecks. Zur Trompete gings daneben durch eine unscheinbare Tür, die den Charme eines Lieferanteneingangs versprühte und direkt in den Keller führte.

        Inseln

        Doch dieser Keller war geräumiger als vermutet mit kleiner Tanzfläche und reichlich Sitzecken, Teppichen, Lämpchen etc., die scheinbar aus diversen Heimen der Marke Eiche rustikal zusammengesammelt wurden, aber eine gemütliche, wenn auch leicht skurrile Atmosphäre schufen.
        Auf einer solchen Wohnzimmergarnitur seitlich hinter der Bühne betrachteten wir die lokale Vorband Inseln, die nett vor sich hin schrammelten, aber zumindest bei mir nicht die Müdigkeit wegblasen konnten, die sich angesichts der bequemen Schräglage auf der Couch einstellte.
        Zu Die Nerven verließen wir dann die Komfortzone und begaben uns näher an die "Bühne", wobei wir auf einer Ebene mit der Band standen. Davor ging es eine kleine Stufe runter zu einer Art Zwischenebene, bevor es noch einmal eine Stufe tiefer zur Tanzfläche ging. Wer also direkt vor der Bühne stehen wollte, versperrte dadurch den hinter ihm Tiefergelegten automatisch die Sicht. Daher war die Tanzfläche gut gefüllt, während soviel Einsicht zur Rücksicht herrschte, dass der Raum vor der Bühne leer blieb. Die alten Herren wie wir standen seitlich an einem Stehtisch, Logenplätze geradezu.

        Die Nerven

        Unmittelbar vor Beginn des Auftritts machte sich Nerven-Schlagzeuger Kevin bühnenfein, indem er sich seiner Hose, Schuhe und Socken (nicht in dieser Reihenfolge) entledigte, wobei ihm alle zusehen konnten, denn der Backstage-Raum war einfach die hinter dem Equipment befindliche Sitzecke. So bereit für die folgende Energieleistung legten Die Nerven dann los. Im Gegensatz zur Show im King Georg im Februar standen sie diesmal nicht unter Zeitdruck, was sich sehr positiv auswirkte. Schon damals schrieb ich von "repetitiven Gitarrenwänden" und das wurde diesmal noch deutlich getoppt. Den Unterschied machte Hörst du mir zu?, auf der Fun etwas mehr als drei Minuten lang, in der Trompete in eine gefühlte Endlosschleife gelegt. Immer wieder gab es einen entspannten Sonic Youth-Groove, bei dem Drummer Kevin auch relaxed aufrecht hinter seinem Schlagzeug saß, bis irgendwann wieder ein Noise-Ausbruch folgte, wieder aufgelöst in entspanntes Schrammeln. Dieses Spiel trieben die drei weit über zehn Minuten lang und hätten es auch gerne noch stundenlang so weiter machen können, denn es wurde dabei nicht langweilig.


        Der Rest des Sets war natürlich auch sehr gut, aber nach dieser Monumentalversion konnte eigentlich nichts mehr kommen. Natürlich kam doch noch etwas, eine Zugabe wurde auch gefordert und gewährt und danach riss Kevin das Fell von seiner Bassdrum ab, um jedem klar zu machen, dass mehr nicht drin war.
        Eigentlich war es ein so guter Auftritt wie in Köln, aber durch dieses eine Lied wurde es ein grandioses Konzert.