Fast genau auf den Tag vor acht Monaten hatten Listener bereits einmal im FZW gespielt, so dass es schon überraschend war, dass sie für die zweite Europa-Tour zu ihrem Album Time Is A Machine erneut im Dortmunder Club spielten.
Den Auftakt des Abends bestritt North Alone, eine Gitarre und dazu eine raue Stimme, vor gerade mal vier Handvoll Zuschauern. Das war dann auch die Art von Emo-Country-Folk, für die ich Chuck Ragan schon nicht mag, dazu gesellten sich furchtbare, Klischee behaftete Ansagen ("Was machen Frauen, wenn sie verlassen wurden? Heulen. Und was machen Männer, wenn sie verlassen wurden? Richtig, saufen."), so dass ich mich ziemlich langweilte. Da konnte auch das tigeryouth-Cover nichts rausreißen, zeigte es doch, dass es auch Männer mit einer akustischen Klampfe gibt, die toll klingen können, selbst wenn ihre Songs nicht gut gecovert werden.
Gott sei Dank kamen dann Listener und der Club des FZW war zum Glück etwas besser gefüllt, wenn auch weniger Leute kamen als noch im August letzten Jahres. Und es galt erneut, was ich bereits damals zu ihrem Auftritt geschrieben habe. Im Prinzip war es der qualitativ die gleiche Show, nur mit anderer Setlist. Listener sind mittlerweile live eine Rockband, die es dennoch immer wieder schaffen, die früheren Gänsehaut-Momente zu erzeugen. Während sie erneut Death By Shotgun, trotz mehrfacher Wünsche aus dem Publikum, nicht spielten, stand Wooden Heart diesmal auf dem Programm, die ersten Zeilen ganz allein von Dan Smith vorgetragen, so dass mir prompt ein Schauer den Rücken runter lief und sie mich an diesem Abend wieder gepackt hatten. Sie hatten wieder Spaß daran, kleine Zitate zwischen ihre eigenen Stücke zu mogeln, so wurde u. a. War Pigs angespielt und der Schlagzeuger wemste wieder wie ein Berserker auf sein Instrument ein, so dass es erneut auseinander fiel. Eine Zugabe, das wunderbare Falling In Love With Glaciers, und dann war nach etwas mehr als einer Stunde Schluss.
Auf Grund der etwas besser durchgemischten Setlist und wegen Wooden Heart gefiel mir dieses Konzert sogar noch besser als der Auftritt letztes Jahr, aber schlechte Shows kann ich mir von Listener eh nicht vorstellen.
Es hatte sich angedeutet, dass sie immer näher kamen. Vor zwei Jahren noch im Steinbruch, letztes Jahr im Druckluft und nun endlich Heimspiel um die Ecke im Club des FZW. Damals in Duisburg war das so ein Besuch aus Neugierde auf Grund des beeindruckenden Videos zu Wooden Heart. Und einmal angefixt kann man sich scheinbar der Ausstrahlung der Band, bzw. hauptsächlich der Stimme der Band, Dan Smith, nicht entziehen.
So empfahlen wir im Vorfeld vielen Freunden das Konzert, meistens in Verbindung mit dem Video und fast alle folgten unserem Tipp (oder mussten einfach, weil sie das Ticket als Geburtstagsgeschenk bekamen) und so waren wir in so großer Runde versammelt, dass die Vorgruppe schlicht und ergreifend vor der Tür verquatscht wurde.
Um halb zehn betraten Listener dann die Bühne des sehr gut gefüllten FZW, Dan Smith zog wieder Schuhe und Socken aus, griff sich den Bass und als klassisches Rocktrio legten sie los. Schon im letzten Jahr in Oberhausen deutete sich die Entwicklung von der Talk Music hin zu Less Talk More Rock an. Die dort bereits vorgestellten Stücke des nun gerade erschienenen Albums Time Is A Machine waren rockiger und die komplette CD ist deutlich ein Bandprodukt, sicherlich der Besetzung mit festem Schlagzeuger geschuldet.
An Smiths Vortragsstil hat sich nichts geändert, immer noch spuckt er die Worte aus und singt sie nicht, sie stehen aber nicht mehr allein wie Gedichte da, die man musikalisch untermalt, sondern die Musik scheint eine gleichberechtigte Rolle erkämpft zu haben.
Das mag manch einer bedauert haben, denn die ruhigen Momente, in Duisburg hatte Smith noch zwei Texte ganz ohne Musik vorgetragen, fehlten diesmal, zumal der Klang im FZW die Stimme noch weiter in den Hintergrund drängte. Doch dieser an Post-Hardcore-Bands erinnernde Sound ist gewollt, zu wohl scheint sich Smith in seiner Rolle als Bassist und Vokalist zu fühlen. Zwischendurch wurde untereinander gescherzt, The Knacks My Sharona angespielt und in eine Dubversion transportiert und offenbar genoss die Band es auch, vor einer erneut gewachsenen Zuschauerkulisse spielen zu dürfen und sich so in ihrem Schaffen bestätigt zu sehen. Und der Beifall zeigte, dass ihr Publikum den Weg mitgeht.
Nachdem zu Beginn praktisch nur Stücke von Time Is A Machine gespielt wurden, kamen dann im weiteren Verlauf auch wieder die beiden Vorgängeralben zu Ehren. Dan Smith stand wieder zu seinen Schwächen und spielte wieder herrlich dilettantisch Trompete. Ich hatte den Eindruck, dass er bewusst drauf verzichtet hat, sein Spiel zu verbessern, denn wie heißt es in My Five Year Plan so passend: "And progress it blinds you it's in every lesson learned. Failure leaves more room for improvement masquerading as time well spent."
Nach einer Stunde wurde dann das Set beendet mit auseinander gefallenem Schlagzeug und zerschredderten Saiten. Doch für eine Zugabe sollte es noch reichen, ausgerechnet Falling In Love With Glaciers, einem meiner Lieblingslieder, vielleicht gerade weil es ruhig und poetisch beginnt und sich dann, vor allem live, geradezu kathartisch steigert.
Kein Wooden Heart, kein intimer Rausschmeißer Death By Shotgun, stattdessen ein lautes Rockkonzert, bei dem man aber dennoch in jeder Sekunde immer noch die Leidenschaft und positive Besessenheit spüren konnte. Ich hatte mich vor zwei Jahren in die "alten" Listener verliebt und und finde sie immer noch in den "neuen" wieder, denn im Kern gilt immer noch: "Now I can see that her blood's red and she's got feelings and they always get spilled both without thinking".
Listener waren und sind eine der außergewöhnlichsten Bands, die man einfach in sein Herz schließen muss.
1996 veröffentlichten Propagandhi ein Album namens Less Talk, More Rock. Ich glaube nicht, dass dies irgendeinen Einfluss auf Listener hatte, deren Schaffen ja gerne als Talk Music bezeichnet wird.
Nachdem ich die Band letztes Jahr mehr zufällig für mich entdeckt und ein unglaublich gutes Konzert im Steinbruch gesehen hatte, freute ich mich, dass die Band auf ihrer Tour recht kurzfristig noch im Druckluft Station machte.
Ohne Vorgruppe betrat die Band um halb zehn die Bühne. Im Gegensatz zum Vorjahr in Duisburg waren sie diesmal als Trio unterwegs, neben Chris an der Gitarre und Dan am Bass und Trompete saß ein weiterer Kris am Schlagzeug, der dank seines gewaltigen Schnauzbarts optisch hervorragend in die Band passt. Dafür war diesmal das MacBook zu Hause geblieben. Schon beim Opener You Have Never Lived Because You Have Never Died zeigte sich, dass ein echter Drummer der Dynamik unglaublich gut tat, denn so war das Motto des Abends tatsächlich Less Talk, More Rock. Danach folgten gleich drei neue Stücke, denn laut Dan Smith ist das neue Album bereits fertig, auch wenn er kein Veröffentlichungsdatum nannte. Diese drei Songs in klassischer Gitarre-Schlagzeug-Bass-Besetzung wirkten deutlich rockiger und druckvoller.
Doch bevor man ins Grübeln kommen konnte, ob dies nicht der besonderen Live-Atmosphäre Listeners abträglich sein könnte, setzte mit Wooden Heart wieder das Gänsehaut-Gefühl vom letzten Jahr ein.
Anfangs versuchte sogar jemand im Publikum mitzusingen, verstummte aber recht schnell, weil er zwar textsicher war, aber mit dem Vortrag Dan Smiths nicht mithalten konnte und so immer deutlich neben der Spur lag. Danach kam bei Building Better Bridges zum ersten Mal die Trompete zum Einsatz und wieder zeigte sich, dass Dan scheinbar Stefan Mross zum Vorbild hat, auch wenn der nicht die Entschuldigung hat, sein letztes Quäntchen Atemluft beim Ausspucken der Texte zu verbrauchen und so einfach physisch gar nicht im Stande zu sein, einen Ton lang und korrekt halten zu können.
Vor I Don't Want To Live Forever forderte Dan zum Mitsingen auf und tatsächlich wurde die Zeile "My eyes saw fire, my heart did escape" lautstark mitgegröhlt. Mit Falling In Love With Glaciers kam kurz danach dann mein persönlicher Höhepunkt, denn hier kam die dynamische Wirkung des Schlagzeugs so richtig zum Tragen, bot sie doch ein deutlich besseres Rhythmus-Gerüst, damit Chris an der Gitarre so richtig aus sich raus gehen konnte, dass so mancher Hardcore-Saitling in Ehrfurcht erstarrt wäre.
Nach 50 Minuten verabschiedete sich die Band bereits, doch das sehr gut gefüllte Druckluft forderte und bekam mehr. Da Drummer Kris erst seit gut einem Monat in der Band sei, kündigte Chris an, dass sie nur noch ein Lied spielen könnten, doch nach kurzer interner Beratung erhöhten sie die Anzahl auf zwei.
Doch auch nach You Were A House On Fire hatten die Leute noch nicht genug, so dass Dan und Chris noch einmal zurückkehrten und wie in Duisburg am Bühnenrand Platz nahmen und das Publikum baten sich hinzusetzen. So vollkommen unplugged setzten sie mit Death By Shotgun dann einen großartigen Schlusspunkt.
Die neuen Songs ließen die Vorfreude auf das neue, Time Is A Machine betitelte Album wachsen, und ich hoffe, dass sie nach der Veröffentlichung recht bald wieder auf Tour kommen, denn von der Intensität und positiven Energie ihrer Auftritte kann man nicht genug bekommen.
Würde man Dan Smith, die Stimme von Listener, als Rapper bezeichnen, könnte dies ein falsches Bild von ihm erzeugen trotz seiner Hip Hop-Vergangenheit in den 90er Jahren, zumal er auch stimmlich definitiv kein Sänger ist, sondern vielmehr ein rhythmischer Erzähler. Das deutsche Wort Sprechgesang trifft es da geradezu perfekt, kategorisieren Listener ihren Stil selber gerne als Talk Music, wobei Smiths Texte auch ohne musikalische Untermalung als Gedichte bestehen und somit das Schaffen des amerikanischen Duos sicher in der Tradition der Beat Poetry oder des Talking Blues eingeordnet werden kann.
Aufmerksam geworden bin ich auf Listener durch puren Zufall, denn die Duisburger Band Kokomo, neulich live bei Gifts From Enola in Oberhausen im Vorprogramm, postete auf ihrer Facebook-Seite einen Link zur Konzertankündigung im Steinbruch. In Erwartung, dass sich hinter Listener eine weitere gitarrenschwere Postrock-Band verbergen würde, suchte ich im Netz nach Hörproben und landete fasziniert auf ihrer Bandcamp-Seite und war sofort angefixt. Und scheinbar gibt es noch mehr Leute mit offenen Ohren, denn auch ohne große Präsenz in den einschlägigen Medien war das Steinbruch sehr gut gefüllt.
Schon vor Beginn des Konzerts suchte Dan Smith Kontakt zum Publikum, sprach einfach irgendwelche Besucher an, ehe er kurz nach neun mit seinem Partner Chris Nelson, der für die musikalische Vertonung von Smiths Lyrik verantwortlich ist, die Bühne betrat. Mit You Have Never Lived Because You Have Never Died vom aktuellen, zweiten Album Wooden Heart, allerdings schon vor gut einem Jahr erschienen, gings los, Nelson an der Gitarre, Smith am Bass und die restliche Musik vom Laptop.
Wie auch auf Platte spuckte Smith seine Texte geradezu aus, ständig war sein Kopf in Bewegung, dabei um das Mikrofon kreisend, es beinahe mehr als Ansprechpartner denn als Werkzeug benutzend, während Nelson fast stoisch am Rand spielte. Dieser eruptive Stil, seine ganze Körpersprache vermittelte dabei eine Intensität, die die Zuhörer sofort gefangen nahm und beinahe beängstigend wirkte. Zum Glück nahm Smith selber zwischen den Stücken durch seine Ansagen immer etwas den Wind aus den Segeln, erzählte scheinbar absichtlich schlechte Witze und forderte als Running Gag das Publikum bei fast jedem Song auf, gerne mitzusingen, was bei Listeners Art von Musik eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist. Er suchte ständig Kontakt zum Publikum, fragte nach, ob sie etwa Fragen an ihn hätten oder sonst jemand etwas mitzuteilen hätte. Zwar erntete er dabei meistens Schweigen, da der normale Konzertbesucher es einfach nicht gewohnt ist, derart in einen Auftritt einer Band einzugreifen, doch Smith spielte auch mit dieser an sich peinlichen Situation, ließ das Schweigen nie unangenehm werden, fand im Gegenteil diese aufmerksame Stille sehr angenehm, denn schließlich wollen Listener gehört werden. In seiner Einleitung zu Building Better Bridges erläuterte er quasi seine Überzeugung, dass die Kommunikation zwischen den Menschen für ihn das Wichtigste sei, getreu der Textzeile "Our lives are a bridge for us to give, I want to buiild a better bridge". Daran hielt sich Smith auch konsequent den Auftritt über und kam so unglaublich sympathisch rüber.
Aber Listener boten ja nicht nur Lyrik mit Hintergrundmusik, der Soundtrack zur Poesie war vielmehr vielschichtig und auch für sich hörenswert. Bei besonders emotionalen Stücken wie Wooden Heart schwebte ein feiner atmosphärischer Gitarrenteppich durch den Raum, zwei Tracks wurden auch komplett ohne Musik als reine Gedichte vorgetragen, schließlich ist Wooden Heart auf der Bandcamp-Seite auch als reine Spoken-Word-Version erhältlich. Mal setzte Smith an der Trompete musikalische Kontrapunkte, offenbarte dabei durchaus Schwächen in der Beherrschung des Instruments, was allerdings schlicht und ergreifend seiner Atemlosigkeit durch seinen kraftraubenden Vortragsstil zuzuschreiben sein mag. Neben klassischer Americana-Musik blitzte zwischendurch auch der Indierock bei Stücken wie Falling In Love With Glaciers durch, bei denen dann Gitarrist Chris Nelson plötzlich explodierte und man sich auf einem normalen Rock-Konzert wähnte. Nicht umsonst wurde mit Priests And Paramedics ein Song der Emo-Legende Pedro The Lion gecovert. Smiths Hip Hop-Wurzeln, die auf dem ersten Listener-Longplayer Return To Struggleville in Songs wie Ozark Empire noch durchscheint, blieben live außen vor.
Nach gut 75 Minuten verabschiedeten sich Smith und Nelson von den begeisterten Zuhörern, kehrten aber noch einmal für zwei Zugaben zurück. Dabei wurde zum Abschluss noch einmal die Magie, die diesen Abend ausmachte, deutlich. Listener suchten die Nähe zum Publikum, setzten sich auf den Bühnenrand und baten alle, sich doch auch hinzusetzen, was auch brav befolgt wurde, so dass Death By Shotgun bei Lagerfeueratmosphäre einen wunderbaren Auftritt beendete.
"Come on and sew us together, we're just tattered rags stained forever. We only have what we remember" sang Smith in Wooden Heart und es war in der Tat ein unvergesslicher Auftritt.