Chixdiggit / Richies / The Apers / Nimrods / Brewers
04.04.14 Druckluft, Oberhausen
Poppunk-Overkill in Oberhausen, gleich fünf Bands standen an diesem Freitag Abend im Druckluft auf der Bühne, alles relativ alte Säcke, die da zum Senioren-Tanztee aufspielten.
Als ich gegen halb neuen am Druckluft auftauchte, spielten die Brewers mit dem Richies-Gitarristen noch ihren Ramones-Punk noch eins, zwei, drei, vier Lieder lang. Das Druckluft war schon richtig gut gefüllt und die Luft bereist schwül-bierig.
Die Nimrods bauten ihr Equipment auf, klebten dabei die Setlist stilsicher mit ihren eigenen Stickern am Boden fest. Auf die Frage, ob sie sich für den Abend etwas Besonderes geplant hätten, kam die lakonische Antwort "Nö, alles wie immer". Das klang viel versprechend.
Und so wurde es auch wie immer, jedes Mal die gleichen Posen, breitbeinig bis zum Leistenbruch, Instrumente im Nacken, Wunderkerzen im Publikum, das volle Programm halt. Da Kepi Ghoulie in der Stadt war, durfte er mal wieder Johnny B. Goode singen und über die Bühne wie ein Flummi hüpfen.
Später wuselte dann noch ein Affe mit Party-Schild herum und neue Songs gab es natürlich nicht, denn die Nimrods-Mucke ist schließlich nach dem traditionellen Reinheitsgebot gebraut, kein Raum für Experimente und das ist in diesem Fall auch gut so. Und selbst wenn sie in zehn Jahren immer noch das gleiche Set spielen und die gleiche Show abliefern, werde ich meinen Spaß haben, denn sie sind einfach zeitlos gut.
Nach so einem Feuerwerk brauchte ich eine Verschnaufpause, so dass ich The Apers mehr hörte denn sah. Die Holländer machten ihre Sache gut, konnten bei mir erneut nicht zünden, irgendwas fehlte mir.
Danach dann die Richies, für mich zum erstes Mal wieder live nach fast 18 Jahren. Mitte der 90er hatte ich sie mehrmals live gesehen, waren sie doch damals eine der besten Poppunk-Bands überhaupt.
Und auch wenn die Jahre optisch nicht spurlos an ihren vorübergezogen sind, klangen sie akustisch immer noch so frisch wie damals. Beim Blondie-Cover Hanging On The Teleophone hatten sie weibliche Verstärkung am Gesang, direkt danach nach dann der Song, durch den ich sie damals überhaupt entdeckt hatte, ihre Version von Hüsker Düs Don't Want To Know If You Are Lonely.
Ein souveräner Auftritt der alten Herren, die nach all den Jahren nichts verlernt zu haben scheinen.
Zum Glück war es eine laue Frühlingsnacht, denn die Luft im vollen Konzertraum war teilweise schon zum Schneiden. So setzte zwischen den Bands immer eine Völkerwanderung ins Freie ein. Um Mitternacht waren aber wieder alle drinnen versammelt, denn Chixdiggit baten zum Tanz.
Die Kanadier waren live auch mal wieder eine Bank und trotz der späten Stunde brachten sie das Druckluft noch einmal zum Schwitzen. Sänger KJ Jansen hatte dabei ständig ein fettes Grinsen im Gesicht, es schien ihm zu gefallen. Eine feste Setlist gab es nicht, es wurde kreuz und quer durch die Diskographie gesprungen, teils auf Zuruf, teils nach Abstimmung im Publikum. Nach nicht ganz einer Stunde verabschiedete sich das Quartett, aber auch wenn es schon kurz vor eins war, musste natürlich eine Zugabe her.
KJ Jansen kam zunächst alleine zurück auf die Bühne und coverte Summer Of 69, ehe es noch einmal rund ging und er den Auftritt im Publikum beendete.
Fünf Bands am Stück, die durchaus ähnliche Musik machen, waren vielleicht etwas viel, aber durch geschickt selbst gewählte Pausen wurde es ein mehr als unterhaltsamer Abend.
Es ist Freitag Abend, ich sitze im Regionalexpress von Dortmund nach Düsseldorf, um mir dort erneut die großartigen Kanadier Chixdiggit sowie die nicht minder famosen Oberhausener Meister der drei Akkorde, die Nimrods, anzusehen und blättere während der Fahrt auf dem Smartphone durch die mehr oder weniger belanglosen Tweets, als meine Augen auf dem Display von einem Link, den ausgerechnet der in London lebende und für den Guardian schreibende deutsche Fußball-Kolumnist Raphael Honigstein postete, kleben zu bleiben. Es war die Nachricht vom Tode Adam Yauchs, besser bekannt als MCA von den Beastie Boys. Gerade 47 Jahre alt wurde er und starb nicht den kläglichen Tod einer Amy Winehouse oder Whitney Houston, die sich ihr Leben selbst durch Drogen und/oder Alkohol versauten, sondern es war der bereits 2009 diagnostizierte Krebs, der den längeren Atem hatte, nachdem es so aussah, als hätte er ihn zwischenzeitlich besiegt, zumal die Beastie Boys ja erst letztes Jahr ein neues Album veröffentlicht hatten.
Mir fiel wieder der 20. Juni 1994 ein, als die Beasties gerade Ill Communication veröffentlicht hatten und allein schon wegen der Vorab-Single Sabotage jeder das Konzert in der Live Music Hall sehen wollte. Die Halle war über ihr Fassungsvermögen hinaus ausverkauft und wir kamen trotz gültiger Eintrittskarten nur mit Glück noch rein, es war sommerlich warm draußen und dementsprechend in der überfüllten Halle tropisch, so dass schon ehe die Band auf die Bühne kam, der Schweiß von den Wänden und der Decke perlte. Die Beastie gehörten zu den Guten im Geschäft und dementsprechend wirkte wirklich jeder über die Todesmeldung betroffen. Am treffendsten formulierte es jemand so: "I feel that if you don't like at least one thing about the Beastie Boys (a song, a video, a joke, the attitude), not one, you're not human."
Ich war mir nicht sicher, ob mir die Vorfreude auf einen unterhaltsamen Abend mit punkiger Partymusik nicht verhagelt war, doch letztlich fand sich das passende Motto auf der Rückseite der Gitarre von KJ Jansen, dem Sänger der Chixdiggit:
In diesem Sinne: R.I.P. MCA and Rock On!
The Tube liegt direkt in der Düsseldorfer Altstadt und ist wie so viele Altstadt-Kneipen eigentlich nur ein langer, schmaler Schlauch, an dessen ende halt eine kleine und auch nicht besonders tiefe Bühne steht.
Eine Woche zuvor im Joe's in Oer-Erkenschwick hatten die Bands genug Platz zum Rumtoben und zudem eine Lichtanlage im Rücken, die gerade die Posen der Nimrods in für sie sicherlich ungewöhlichem Glanz erstrahlen ließ. Doch auch durch die Enge ließen sich die drei Oberhausener nicht beirren, auch wenn Gitarrist und Bassist sich einige Mal ineinander verhakten. Vielmehr inspirierte sie die Enge zu neuen artistischen Verrenkungen.
Wie immer saßen die Sonnenbrillen korrekt und auch die Konfetti-Bombe und Wunderkerzen kamen zum Einsatz. Kepi Ghoulie sang erneut Johnny B. Goode mit ihnen, auch wenn man ihn mehrmals rufen musste, da er in den Katakomben des Tube verschollen zu sein schien.
Sogar eine Zugabe wurde den Nimrods abgerungen, die übrigens im Juni ihr 15jähriges Bestehen mit einem Konzert im Druckluft begehen, bei dem auch Kepi im Rahmen seiner Solotour zu Gast sein wird.
Um halb elf begannen dann Chixdiggit ihr Set wie eine Woche zuvor mit Welcome To The Daiso. Sah es bei den Nimrods noch so aus, als könnte die Provinz Oer-Erkenschwick die Weltstadt Düsseldorf in puncto Zuschauerzahlen und Stimmung schlagen, wurde schon bei den ersten Takten klar, wo der Punk seine Bierchen trinkt. Der Raum vor der Bühne war sehr gut gefüllt und die Anwesenden waren auch gewillt, sich von KJ animieren zu lassen und eine Party zu feiern. Eine feste Setlist gab es nicht, Wünsche wurden gerne erfüllt, mal prompt, mal mit Verspätung. So setzte KJ z. B. nach Zuruf von Henry Rollins Is No Fun zu einer längeren Geschichte an, wie einst angeblich eine Postkarte von Rllins erhalten habe, um dann doch ein völlig anderes Lied zu spielen, ein anderes Mal wurde nach. I Hate Basketball verlangt und sofort geliefert, allerdings umbenannt in I Hate Wuppertal.
Da die Band offensichtlich fürsorglich betreut worden war und mit dem lokalen Kräutergebräu Killepitsch Bekanntschaft gemacht hatte, ließen sie sich davon gleich eine Flasche auf die Bühne bringen.
Auch von technischen Widrigkeiten zeigten sie sich unbeeindruckt. So löste sich Kepis Bassgurt komplett vom Instrument, so dass er sein Instrument nur mühsam aufs Knie gestützt weiterspielen konnte, doch eine waghalsige Notoperation von Dr. Killer Nimrod am offenen Song rettete die Situation.
Natürlich wurde das Publikum auch wieder reichlich zum Mitsingen animiert und hier zeigte sich Düsseldorf dann besonders textsicher und auch in puncto Lautstärke den Erkenschwickern überlegen, wie man es von einem (Noch-)Zweitligisten gegenüber einem Oberligisten auch erwarten durfte.
Als KJ ankündigte, noch zwei Lieder zu spielen, dann kurz auf der Bühne einen zu trinken, um dann anschließend als Zugabe 27 weitere Songs zum besten zu geben, hielt er das noch für einen Scherz. Doch die Anwesenden machten dermaßen Rabatz und wünschten sich einfach noch so viele bis dahin ungespielte Lieder, dass der Abend in harte Arbeit für die Kanadier ausartete. Kepi bastelte aus den zahlreichen Forderungen noch schnell einen verbindlichen Zugabenblock zusammen, den KJ in seiner chaotischen Art gleich wieder umwarf. So wurde noch kurzfristig Hemp Hemp Hooray eingebaut und dafür ein Gastsänger aus der Oberhausener Gang auf die Bühne geholt.
Nach 75 Schweiß treibenden Minuten war dann aber doch Schluss und man brauchte nur in die strahlenden Gesichter der Band zu schauen, um Sänger KJ seine Worte abzunehmen, dass es ihnen sehr viel bedeute, wenn bei inzwischen nur noch 20-30 Konzerten, die die Band im Jahr spielen würde, sie bei ihrem Aufenthalt in Europa auf so positive Resonanz stoßen würden.
Da kann man nur hoffen, dass ihr nächster Urlaub sie wieder nach Nimrodland führt und beide Bands wieder zusammen irgendwo in NRW auf der Bühne stehen werden.
Was zum Teufel verschlägt eine kanadische Punkband wie Chixdiggit nach Oer-Erkensachwick? Solange ich denken kann, war in Erkenschwick immer tote Hose. Früher gab es zwar zu Pfingsten das Bullshit Festival auf einer Grillwiese am Rande der Haard, aber das war es auch mit Rockmusik. Abgehalfterte Schlagerfuzzis hingegen fielen regelmäßig in Scharen in die Stimberg-Stadt ein. Den Mangel an guter Live-Musik haben wohl auch noch andere empfunden, denn der örtliche Jugendverein JOE e.V. bemüht sich nun schon seit einiger Zeit, Bands in sein Vereinsheim zu locken und schaffte es diesmal, dass die Kanadier den Auftakt ihrer kurzen Europa-Tour dort begingen.
Gegen halb zehn gehörte die Bühne aber zunächst der Marler Band Feebles. In Bambi heißt es, wenn man nichts nettes sagen kann, soll man lieber schweigen. Nun, sie coverten nicht ohne Grund Saufen, Saufen, Saufen von den Schröders.
Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei und die Vorbereitungen für die Glamour-Show der Oberhausener Nimrods begannen. Vor gut einem Jahr hatten sie mich schon im Düsseldorfer Stone als Vorgruppe für Snuff überzeugt.und dieser Auftritt war sogar noch eine Steigerung.
We're Still The Nimrods als Opener machte gleich klar, was die gut 50 Zuschauer zu erwarten hatten: reichlich coole Posen, Sonnenbrillen und natürlich jede Menge Songs im Geiste Johnny Ramones. Die Bühne war groß genug, so dass so breitbeinig gerockt werden konnte, dass die Nähte der engen Jeans ächzten. Wunderkerzen und Konfetti-Kanonen kamen wieder zum Einsatz und eine geradezu Heavy Metal-taugliche Lichtanlage, die elegant die Faltenansätze des Trios weg leuchtete. Gecovert wurde auch, doch im Gegensatz zu den Feebles sehr geschmackvoll, mit Rock'n'Roll Is King vom Electric Light Orchestra und dem Klassiker Johnny B. Goode, der von Chixdiggit-Bassist Kepi Ghoulie gesungen wurde.
Auch die bekannten Stunteinlagen wie Gitarre hinterm Kopf spielen oder mal eben das Schlagzeug auseinander bauen und am Bühnenrand spielen, wurden unfallfrei vorgeführt und sorgten für Begeisterung.
Die Nimrods bewiesen auf jeden Fall, dass sie sich vor den Heerscharen amerikanischer Poppunk-Bands keineswegs verstecken müssen, ganz im Gegenteil.
Diesen furiosen Auftritt konnten danach zwar Chixdiggit nicht toppen, aber auch sie rockten das Haus und konnten sogar den an sich eher etwas trägen Erkenschwicker zum Pogo und sogar Stagediven bringen.
Wie schon vor einem Jahr in Düsseldorf fegten sie dabei quer durch ihre Diskografie. Der Soundcheck ging nahtlos in den Opener Welcome To The Daiso über und das Tempo hielten sie die kommende Stunde konstant hoch.
Sänger KJ war die gewohnte Rampensau, animierte die Zuschauer zum Mitsingen, zeigte sich auch so gut vorbereitet, dass er wusste, dass Leonardo Di Caprios Großmutter aus Erkenschwick stammte und schaffte es sogar fast, den Ortsnamen richtig auszusprechen.
Inklusive Zugaben spielten die Kanadier dabei gut 70 Minuten, in denen sie bestimmt an die 30 Lieder spielten. Der Auftritt jedenfalls machte soviel Spaß, dass man sich dieses Doppelpack der guten Laune nicht entgehen lassen sollte, wenn sie nächste Woche zusammen in Düsseldorf spielen werden.
Und den Betreibern vom Joe's wünsche ich, dass sie weiterhin internationale Bands ins kleine Oer-Erkenschwick locken können, denn der Sound und das Licht in dem ansonsten zwar etwas steril wirkenden Raum brauchen sich vor den Clubs der großen Städte nicht zu verstecken, ganz im Gegenteil.
Letztes Jahr im Juni mussten die Boxhamsters ihr Konzert im Stone kurzfristig absagen, doch schon 10 Monate später stand ja der Nachholtermin auf dem Programm. Im Zug nach Düsseldorf twitterte mich dann ein Bekannter an, dass sie auch diesmal angeblich nicht spielen sollten. Dementsprechend skeptisch kam ich am Ratinger Hof in der Altstadt an und ein Zettel am Eingang verkündete tatsächlich, dass die Gießener abgesagt hatten, da ihr Schlagzeuger wenige Stunden zuvor ausgestiegen sei. Auf der Facebook-Seite des Stone hieß es allerdings, dass sie es wegen einer Autopanne nicht nach Düsseldorf geschafft hätten. Hmmm, vielleicht ist er also nur aus dem Wagen ausgestiegen?
Kanadas antwort auf No FX, Chixdiggit, mutierte so von der Vorband zum Headliner und hatte als Unterstützung noch schnell The Yoohoos mitgebracht, mit denen sie am Abend zuvor in Köln gespielt hatten. Die zwei Jungs und ein Mädel machen ebenfalls gutgelaunten Punkrock im Stile der Ramones und Jet Bumpers und sorgten nach anfänglich etwas zähem Beginn für mächtig Stimmung. Neben gelungenen Coverversionen wie Bizarre Love Triangle von New Order spielte dabei ein Pogostick eine nicht unwichtige Rolle, denn den schenkte der Sänger seiner Freundin von der Bühne herunter zum Geburtstag. Sie probierte ihn auch gleich aus - ein herrliches Bild, das auch von meiner Begleitung auf Video festgehalten wurde. Der ältere Herr auf der Bühne war übrigends Kepi Ghoulie, der Chixdiggit auf ihrer Europa-Tour am Bass unterstützte und bei den Yoohoos mehrere Lieder mitsang.
The Yoohoos w/ Kepi Ghoulie
Kurz nach zehn begann dann das große Wunschkonzert der Chixdiggit. Sie hatten an der Wand neben der Bühne einen großen Zettel angebracht, auf dem alle Songs standen, die die Band spielen kann. Und der Zettel war wirklich groß, schließlich exisitiert die Gruppe schon seit gut 20 Jahren.. So wurden also gerne Publikumswünsche erfüllt, Auch meiner nach I Hate Basketball von der neuen EP Safeways Here We Come wurde gespielt, allerdings musste Kepi dazu unter seiner Monitorbox nach einem Zettel mit den Akkorden kramen, da er meinte, dass ausgerechnet das der Song sei, den er am schlechtesten kenne, was man ihm aber nicht anmerkte.
Sänger KJ gab den ganzen Auftritt über die Rampensau, poste wild herum und animierte das Publikum zum Mitsingen, z. B. bei Spanish Fever, was dieses auch gerne tat. Nach zwei Songs riss zwar bereits Kepis Bassgurt, aber er spielte das Konzert einfach mit dem Instrument der Yoohoos-Bassistin weiter. Gegen Ende rissen dann gleich mehrere Saiten von KJs Gitarre und er verlegte sich ganz aufs Singen.
Nach einer guten Stunde und gefühlten 57 Songs war dann das Konzert vorbei und ich war alles andere als traurig darüber, dass die Boxhamsters wieder nicht erschienen waren, denn mit diesem furiosen Auftritt hätten ihnen die Chixdiggit wohl locker die Show gestohlen.