Schon wieder ein Mann und seine Gitarre und schon wieder im Subrosa., gut eine Woche nach Jeff Beadle nun also Tigeryouth. Tigeryouth alias Tilmann ist aber im Gegensatz zu Jeff Beadle bereits zum dritten Mal in der Dortmunder Nordstadt zu Gast und diesmal als Hauptact (zur Sicherheit gab es auch keine Vorgruppe, damit er wirklich der Star des Abends war). Er mag das Subrosa und das Subrosa ihn offensichtlich auch, denn eigentlich hat die Kneipe Sonntags zu, aber für ihn wurde eine Ausnahme gemacht.
"Aber heute kriegt mich nichts und niemand aus dem Haus" sang er in Disko und während diejenigen, die sich daran gehalten haben, die Tagesschau einschalteten, betrat Tilmann die Bühne und rotzte seine Lieder raus. Auf seiner Bandcamp-Seite nennt sich das Akustik-Punk und das passt wie die Faust aufs Auge. Keine Songs über drei Minuten, klangen sie wie akustische Versionen von Captain Planet oder auch den Get Up Kids, die Texte drehen sich oft um die Selbstfindung in einer Welt, in der er sich nicht direkt fehl am Platz, aber doch zumindest jenseits der Masse zu sehen scheint: "Du bist zu zehn Prozent du selbst und zu neunzig Prozent wie der Rest der Welt. [...] Das bist du. Das bin ich nicht." (aus Feierabendbier)
Das Ganze wurde rausgebrüllt, dazu hibbelte er so sehr rum, wie es am Mikro stehend überhaupt ging. Kein Wunder, dass er nach den Liedern außer Atem ist und das Nachstimmen der Gitarre als willkommene Erholungspause nutzte.
Die kraftvolle Präsentation und sein sympathisches Auftreten verhinderten, dass auch nur im Ansatz peinliche Momente entstanden, Punk ist halt in der Regel nicht sentimental. Nach potentiellen Hits wie Vor Berlin, Alles geht kaputt oder Streichholz verabschiedete sich Tigeryouth von den Anwesenden (er selber hatte mit fünf gerechnet, es wurden aber zu seiner Freude doch 15-20), die ihn aber noch zu einer Zugabe animieren konnten. Dafür verließ er dann die Bühne und spielte Robots zwischen Theke und Klo (aka die Tanzfläche im Subrosa) und zog dann nach gut 45 Minuten endgültig den Stecker raus.
Der Mann machte einfach Spaß und was im intimen Rahmen funktionierte, wird bestimmt auch am Dienstag im FZW gut ankommen, wenn er sein nächstes Konzert in Dortmund spielt, diesmal im Vorprogramm von East Cameron Folkcore. Ich werde jedenfalls da sein.
Oh, ein weiterer Mann und seine Gitarre, lohnt sich das wirklich? Dafür sprach natürlich das nette Subrosa und die Empfehlung, dass Beadle am Abend zuvor auf dem Haldern Festival gespielt hatte. Also ab in die Dortmunder Nordstadt, wo man vor dem Subrosa auch schon mal aus einem vorbeifahrenden Auto Goldkettchen zum Kauf angeboten bekommt.
Nachdem der Laden um kurz nach acht noch recht übersichtlich besucht war, war es um neun, als Beadle die Bühne betrat, ansehnlich voll. Jeff ist zwar Kanadier, doch seine Musik ist deutlich im amerikanischen Folk und Country verwurzelt, hat mit seinen Landsleuten von z. B. Evening Hymns oder den Solo-Auftritten eines Jason Collett nicht viel gemein. Das war auf den ersten Blick zwar schade, bin ich doch kein wirklicher Freund der "neuen" Americana-Welle mit Leuten wie Chuck Ragan oder Dave Hause (weil ich dafür ihre Punk-Wurzeln in ihren Bands zu sehr mag), aber der Abend war dennoch höchst kurzweilig und unterhaltsam. Jeff Beadle kam einfach zu sympathisch rüber und konnte mit seiner leicht angerauten Stimme überzeugen, die den nötigen Biss hatte, ohne aber zu Whiskey geschwängert zu klingen.
Bei zwei Songs wurde er an der Mundharmonika unterstützt, wobei einer davon zu meinen persönlichen Highlights des Abend zählte, nutzte Beadle den Rhythmus zu einem ausgedehnten Jam, der den Folk-Pfad verließ und dennoch kein langweiliges Geklampfe bot. Die anderen Highlights waren zwei Coverversionen. Nothing Ever Happens, im Original von den Schotten von Del Amitri aus dem Jahre 1989 eher eine peinliche Mitsingnummer, wurde ihm von seiner deutschen Plattenfirma empfohlen und war ihm bis dahin unbekannt.
Der Song gewann in Beadles Interpretation deutlich, gerade wenn man wie ich noch das Original und vor allem damals auch das zugehörige Video kannte, einer unglaublich aufgesetzten Performance. Da gerade erst sein erstes Album The Huntings End auf dem Köln-Halderner Label Butterfly Collectors erschienen ist, war nach einer knappen Stunde bereits Schluss. Eine Zugabe wurde erklatscht, danach zog Beadle den Stecker aus seinem Pedal. doch die Anwesenden waren so begeistert, dass er sogar einen weiteren Nachschlag gewährte, das zweite Cover des Abends.
Diesmal spielte er einen Song vom ersten Album des amerikanischen Grammy-Gewinners Ray LaMontagne. Das wunderschöne Jolene wurde auch schon von Justin Bieber live vergewaltigt, während Beadle hingegen die Melancholie des Stückes sehr treffend einfing und so einen herausragenden Abschluss seines schönen Auftritts bot.
Ja, es hat sich gelohnt, einen weiteren Mann und seine Gitarre live zu erleben.
35 Grad im Schatten, da ist man doch froh, wenn man sich in einen kühlen Kellerraum zurückziehen kann. Der Keller gehörte zum Rekorder, gegenüber vom Subrosa und der einzige Nachteil war, dass ich nicht alleine mit den zwei Ventilatoren in dem Raum war. Es hatte sich auch noch das kölsch-holländische Doppelpack der guten Laune, Chefdenker und Bambix, angekündigt, die sich den Schlagzeuger teilen und daher an diesem Abend auch die Bühne.
Wenn also schon Chefdenker im Hause waren, musste das Vorprogramm natürlich ebenfalls eine besondere intellektuelle Herausforderung darstellen. Und so hatte man die Stammtischphilosophen der Privatuni Castrop-Rauxel von Betrunken im Klappstuhl gebeten, eine kurze Vorlesung über den Zustand der Welt zu halten.
Zu sechst aber ohne Klappstuhl standen sie dann um kurz nach neun auf der kleinen Bühne und reckten in bester Klassenkampf-Pose die Fäuste zu Europes The Final Countdoen in die Luft. Die sechs Seiten eines Würfels als Kontraposition zu Einsteins These, dass Gott nicht würfelt, bereit für den Kampf gegen den Niedergang der Gesellschaft, wie wir sie kennen, der letzte Countdown, das Armageddon, die Apokalypse. Auch im ersten Lied Lili zeigten die Stuhlis, wie sie liebevoll von niemandem genannt werden, dass sie mitten im Leben stehen, indem sie Ebene und Meta-Ebene kunstvoll vermischten und passend zur Textzeile "Trinkpause" auch gleich eine einlegten.
Danach folgte dann ihr politisches Manifest, das Pamphlet Südamerika, das mit seiner provokanten Aussage "Ich bin hier zum Komasaufen, ich will hier nicht diskutieren" messerscharf den Finger in die Wunde der post-industriellen Konsumgesellschaft legte und gerade durch seine zeitgeschichtliche Aktualität angesichts der Dichotomie zwischen dem sozialen Überlebenskampf in den brasilianischen Favelas (Brasilien liegt in Südamerika, klingelts?) und der Hyper-Kommerzialisierung der Fußball-Weltmeisterschaft wertvoller denn je ist. Beharrliches Wiederholen dieser beiden Stücke sollte hier den Lerneffekt bei den anwesenden Studierenden stärken. Auch die zwischenzeitlichen Ankündigungen, "wir spielen so lange, bis ihr alle gegangen seid", diente nur der Lernmotivation, denn die Schule verlässt man ja auch erst, wenn man den erfolgreichen Abschluss geschafft hat. Zur Auflockerung wurden zwischendurch noch kleine Divertissements geboten, jedes aber auch komprimierte Lektionen über den Zustand der Gesellschaft. Auch bei Wo ist das Kind mit meinem Café Latte wird der Wohlstandsgesellschaft textlich durch "ohne Moos nix los, ich bin arbeitslos" das jüngste Gericht vor Augen gerufen, der finale Countdown dabei allgegenwärtig in jedem Stück.
Gleichzeitig verdeutlichte die Art des Vortrags symbolisch die Entmenschlichung unserer Kultur, in der das Individuum zum austauschbaren Platzhalter mutiert ist. Gleich drei Bassisten wurden während der Darbietung verschlissen, immer wieder neu durch zufällig Anwesende ersetzt. Aufkommende Zivilcourage wurde symbolisch bestraft, indem der Schlagzeuger freiwillig während der Performance ausstieg, dadurch aber die Runde Schnaps für das Künstlerkollektiv verpasste. So funktioniert Kapitalismus, kleine Brotkrumen halten den Papagei im Käfig am Singen.
Das Publikum wurde dann irgendwann doch völlig verstört an die Theke entlassen, die Bühne wurde für die Chefdenker geräumt. Sie präsentierten als Gegenentwurf ein alternatives Kapitalismusmodell. Die Zukunft liegt in Europa und im Jobsharing, an diesem Abend in einer deutsch-niederländischen Koproduktion exemplifiziert. Je abwechselnd spielten Chefdenker und Bambix drei Stücke, bevor die andere Band übernahm, ein Musterbeispiel an Synergieeffekten, denn lästige Umbaupausen entfielen und die Auftritte beider Bands wurden so in zwei Stünden an einem Stück abgewickelt, schließlich ist Zeit Geld.
Dennoch wurde dabei eine teutonische Hegemonie als Land der Dichter und Denker deutlich, denn nicht nur dass Chefdenker das Gemeinschaftsprojekt begannen und kurz nach Mitternacht beendeten, auch sang Wick Bambix zwei Lieder auf deutsch und zeigte auch so, wer der amtierende Weltmeister ist. Nicht verschwiegen werden soll hier aber die Schattenseite dieser Utopie, denn Schlagzeuger und Bassist mussten bei beiden Bands ran, standen also die gesamten 120 Minuten unablässig auf der Bühne, ein Symbol, dass Kaptalismus auch in einer scheinbar funktionierenden Form der Ausbeutung von Randgruppen bedarf.
Vordenker Claus Lüer scheint auch eine geradezu pathologische Vorliebe für den Buchstaben C zu haben, plünderte er doch nicht nur das Repertoire seines Think Tanks Chefdenker, sondern auch das eigene Archiv in Form von Beiträgen aus den Werken von Casanovas Schwule Seite (Höllenfeuerlicht) und Cnochenfabrik (Fuck Off, Filmriss), jedes für sich bereits ein eindringliches Statement zur Lage im Keller des Rekorder.
Hier herrschte nämlich inzwischen von den Temperaturen her eine Fegefeuer-Atmosphäre, die nur durch unkontrollierte Elektrolytzufuhr auf Hopfenbasis zu ertragen war. So war es nur stringent, den Filmriss ans Ende der Veranstaltung zu setzen. Um jedoch den kritischen Aspekt der Vorlesung auch hier zu verdeutlichen, dass in dieser Gesellschaft der Weg zum Erfolg und persönlichen Glück nur durch harte Entbehrungen zu bewältigen ist, ging der finalen Erlösung ein fünfminütiges Blues-Solo voraus, wie es Eric Clapton (man beachte das C!) nicht besser hinbekommen hätte. Und da Clapton bekanntlich im Volkssmund Gott ist, ist das Leiden von Gott gewollt und er somit der Teufel, eine Ambiguität, die radikaler ist als Nietzsches profanes "Gott ist tot".
Marcel Reich-Ranickis "Am Ende sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen" schwebte somit als Fazit über diesen als harmloser Punkrock getarnten Diskurs über den Sinn des Lebens in der heutigen Zeit, einer Rückbesinnung auf Bier und Schweiß als Nährboden für die ganz großen Gedanken, die diese Welt voranbringen. Prost!
Als ich das letzte Mal im Panic Room im November letzten Jahres war, befand sich die Bühne noch direkt links am Eingang und deshalb musste pünktlich um elf Uhr Schluss sein. Da neben Kepi Ghoulie und Dog Party auch noch die französische Band Flying Over spielen sollten, war ich also recht früh am Viehofer Platz in Essen. So konnte ich noch einen sonnigen Sommerabend draußen verbringen, denn Dog Party eröffneten den Abend erst um 21 Uhr, da das Konzert quasi im Hinterzimmer stattfand, einem Club für schätzungsweise 100 Besucher.
Vor zwei Jahren waren die beiden Schwestern bereits mit Kepi Ghoulie auf Tour gewesen und ich hatte sie einmal elektrisch in Oberhausen und einmal akustisch in Düsseldorf gesehen und sie hatten mir sehr gut gefallen.Inzwischen haben sie ein neues Album veröffentlicht, ihr erstes auf dem renommierten Punk-Label Asian Man. Während Lost Control mit guter Produktion den Reifeprozess der inzwischen 16 und 18 Jahre alten Mädchen.unterstreicht, waren sie live immer noch die leicht schüchternen Teenager. Das mag aber auch daran gelegen haben, dass gerade einmal geschätzt fünf zahlende Gäste anwesend waren und sie dafür einfach noch nicht Rampensäue genug sind, um dennoch den leeren Club zu rücken.
Aber sie machten ihre Sache dennoch gut, spielten die Songs druckvoll, egal ob eigene oder Cover wie Los Angeles (X) oder Girlfriend (Ty Segall). Danach dann kurze Beratung mit dem Soundmensch vom Panic Room und es wurde beschlossen, dass Kepi Ghoulie als nächstes spielen würde, um so einen Umbau des Schlagzeugs zu sparen.
Der Mann ist Pop Punk in Reinkultur, seine gute Laune scheint unerschöpflich, ebenso wie seine Lust aufs Touren, war er doch erst im April mit Chixdiggit unterwegs. Von denen hatte er sich wohl auch bei der Setlist inspirieren lassen. Vor ein paar Jahren hatten die Kanadier einen Riesenzettel dabei mit allen Songs, die sie auf Kommando spielen könnten und bei Kepi war es genauso.
54 Stücke hat er derzeit mit Dog Party, die nicht nur Vorgruppe sondern auch seine Begleitband waren, im Repertoire und die standen auf einer langen Liste auf dem Bühnenboden. Doch bei nur gut vierzig Minuten Spielzeit konnte leider nur ein Bruchteil zu Gehör gebracht werden. Neben Liedern von seinen Soloalben gab es natürlich reichlich Groovie Ghoulies zu hören und auch die Ramones durften natürlich nicht fehlen.
Recht früh im Set riss ihm eine Bass-Saite und so lieh er sich Ersatz von Flying Over aus, während die Franzosen dann in Ruhe die Saite wechseln konnten. Mit fremdem Instrument verkniff er sich sogar das sonst übliche Rumhüpfen, um den Bass nicht versehentlich zu demolieren.
Trotz der knappen Spielzeit fand er auch noch Gelegenheit für einige (Semi-)Akustik-Songs, die mir wie schon vor zwei Jahren fast noch besser gefielen, denn mit weniger Geschwindigkeit offenbarten die Lieder erst so richtig ihre schönen Melodien.
Zum Finale durfte dann auch noch der italienische Tourbegleiter Bada den Bass zupfen und Kepi konnte so zu Freaks On Parade ohne Instrument hemmungslos herumtollen.
Von Flying Over hörte ich mir anschließend noch zwei Songs an, es klang mehr nach Garagenrock als Pop Punk, entschied mich dann aber doch, vorzeitig den Heimweg anzutreten, da ich am nächsten Morgen früh aufstehen musste.
Es war wie immer eine helle Freude, Kepi Ghoulie live zu erleben, der die wenigen Anwesenden glänzend unterhielt und auch die Jungs von Flying Over zum Mittanzen brachte.
Zwei Jahre ist es her, dass The Jon Spencer Blues Explosion ihr letztes Album veröffentlicht haben und dennoch sind sie scheinbar unablässig auf Tour, so dass sie zur Festivalhochzeit auch mal im kleinen Lieblingsklub nördlich des Ruhrgebiets vorbeischauten.
Doch zunächst spielte ein belgisches Duo namens The Glücks auf und das klang ziemlich gut, dreckiger, fuzziger Garagenbeat mit hauptsächlich weiblichem Gesang der Schlagzeugerin.
Das war zwar manchmal etwas monoton und auch nicht unbedingt virtuos gespielt, die vierzig Minuten gingen dennoch ruckzuck rum und machten Spaß vor allem wegen der energiegeladenen Darbietung.
Kurz vor zehn kamen dann Juda Bauer, Russell Simins und Jon Spencer aka The Blues Explosion auf die Bühne.
Am Anfang wirkte ihr Auftritt noch etwas zurückgenommen und auch das Publikum im gut gefüllten, aber nicht zu vollen Gleis brauchte etwas, um warm zu werden. Doch als das erste Mal gerockt und nicht nur cool gegroovet wurde, stieg die Stimmung sofort merklich an. Danach schien auch Jon Spencer auf Betriebstemperatur, denn es ging Schlag auf Schlag weiter. Eine Setlist gab es nicht, er rief immer nur kurz den nächsten Songtitel Russell Simins am Schlagzeug zu und fast ohne Pause ging es weiter.
Nach nicht ganz einer Stunde verabschiedete sich das Trio bereits überraschend früh, doch rückblickend war das nicht das Ende des regulären Sets, sondern eher eine kurze Pause. Denn natürlich kamen sie wieder und spielten noch einmal eine halbe Stunde. Und jedes Mal, wenn ich dachte, nun ist aber wirklich Schluss, gab es einen weiteren Zuruf Spencers Richtung Schlagzeug und es wurde noch ein Lied drauf gepackt.
Erst nach einem Jam am Theremin und dem Beastie Boys Cover She's On It war dann endgültig Schicht. Da ich die ganze Zeit neben der Lüftung links am Bühnenrand gestanden hatte, merkte ich erst jetzt beim Rausgehen, wie heiß es im Raum geworden war, aber kein Wunder, denn The Jon Spencer Blues Explosion bringen wohl jeden Club zum Kochen und das Gleis 22 machte da natürlich keine Ausnahme.